Konnte niemand sie davor beschützen?

Bettina Wulff mit Nicole Maibaum
Jenseits des Protokolls

Riva Verlag
224 Seiten
€ 19,99

Rezension vom 19. September 2012

Zuerst das Positive: Nicole Maibaum hat einen guten Job gemacht. Man weiß ja bei Autoren, die irgendwo zwischen Ghost-Writer und Co-Autor unterwegs sind, nie genau, an welcher Stelle des Projektes sie übernommen haben, wie viel Material welcher Qualität ihnen vorlag, um daraus etwas Ansprechendes zu machen. Aber das Ergebnis zählt, und das wurde ja offensichtlich von Frau Maibaum aufgeschrieben. „Jenseits des Protokolls“ liest sich fluffig wie ein Pilcher-Roman, und das liegt nicht nur daran, dass die Inhalte so banal sind und sich leicht transportieren lassen. Das Buch ist flüssig geschrieben, sauber in der Sprache, und der Leser meint doch, durchgehend Bettina Wulff sprechen zu hören. Das zeichnet einen guten Co-Autor aus.

So. Genug des Lobes. Ansonsten macht mich das Buch ähnlich fassungslos wie die 991 Amazon-Rezensenten, die bereits vor mir ihre Meinung abgegeben haben. Leute, das muss man erst mal schaffen: Bereits zwei Tage nach Erscheinen fanden sich auf amazon.de über 400 Rezensionen, und im Durchschnitt gab es nur einen Stern! Wird „Jenseits des Protokolls“ vielleicht in die Geschichte eingehen als das am schlechtesten bewertete Buch aller Zeiten?

Während Bettina Wulff reagierte und alle natürlich fest gebuchten Talkshow-Termine absagte, wird ihr Buch bei der nächsten Aktualisierung der Spiegel- Bestsellerliste von Null auf Platz 1 schießen. „Bad news are good news“ heißt eine alte PR-Regel, die in diesem Fall aber nur für den Verlag, nicht für PR-Profi Bettina Wulff und am allerwenigsten für ihre Familie gelten wird.

Mannomann, Frau Wulff, was haben Sie sich bloß dabei gedacht? Das Buch liest sich wie „Bettinas Tagebuch“, in dem sie chronologisch einträgt, was sie erlebt hat, angefangen vor dem Kennenlernen von Christian Wulff bis hin zum Sommer 2012. Dass sie dabei gleich mit „ihren Männern“, die sie vor Christian Wulff kannte, startet, ist konzeptionell unglücklich, weil sie den Leser gleich zum Auftakt in ein Thema schickt, wo der eine First Lady gar nicht haben will. Auf den nächsten 200 Seiten berichtet sie erstaunlich unreflektiert Ereignis um Ereignis und gibt gründlich ihrem Bedürfnis nach, auch banalste Vorwürfe, die der Familie vor dem Rücktritt ihres Mannes gemacht wurden, zu rechtfertigen. Ein vom Besitzer eines Autohauses geschenktes Bobby Car für ihren Sohn? Ein von Bettina Wulff gefahrener Audi? Ein vom Designer geliehenes Kleid? Wenn der Leser diese Geschichten schon vergessen hatte, wird er sich jetzt daran erinnern. Bravo, das ist wirklich PR erster Klasse.

Immerhin wissen wir jetzt genau, wie teuer das Haus in Großburgwedel war, wie viel sie noch vom Kaufpreis herunter handelte, außerdem, wie viel eine First Lady verdient (nichts), wie viel sie dafür arbeiten muss (sie benutzt tatsächlich den Begriff ‚Überstunden’), dass sie nebenbei ihr Haus selbst putzen musste, Angela Merkel hinter der Fassade echt eine Nette ist und gerne zu Käse und Rotwein vorbei schaute, und wie sehr der Staat Deutschland auf Familien mit Kindern eingerichtet ist (gar nicht).

Zwischen all diesen Indiskretionen und Belanglosigkeiten offenbart Bettinas Tagebuch aber auch eine andere, menschliche Seite. Ganz deutlich wird, dass sie vielleicht zu jung war für den Job der First Lady, vielleicht auch zu schlecht vorbereitet, und man mag es kaum glauben, dass der deutsche Staat niemanden abstellt, der eine neue First Lady ein wenig in die Sitten, die Tücken, die Do’s and Dont’s einer solchen Aufgabe einführt? Schwer vorstellbar. Wie dem auch sei, sie hat sich allein gefühlt, hilflos, fremdbestimmt und bis über alle Grenzen überfordert.

Man muss kein Psychologe sein, um an dem Ton zwischen den Zeilen zu erkennen, dass hier eine Persönlichkeit irgendwo zwischen trotzigem Kind und Selbstmitleid pendelt, auf alle Fälle aber eine Persönlichkeit, die der Aufgabe und den Anforderungen einer First Lady nicht gewachsen war. Was man ihr natürlich keinesfalls zum Vorwurf machen kann. Aber dann müsste sie diese Erkenntnis doch nicht unbedingt hunderttausende Male drucken lassen!

Auch im Nachhinein hätte zumindest das „Amt“ mehr Respekt verdient gehabt. Von der Familie mal ganz zu schweigen.

Fazit:
Niemals hätte eine souveräne First Lady ein Buch mit diesem Inhalt und in diesem Ton veröffentlichen dürfen. Der Zeitpunkt aber, nur Monate nach dem Rücktritt, ist geradezu skandalös. Absolut unverständlich und fast tragisch ist, dass es offensichtlich niemanden gab, der sie davor beschützen konnte. Der sie wenigstens dazu bewegen konnte, so lange zu warten, bis die eigenen Emotionen sich beruhigt hätten und eine sachlichere Grundstimmung einen anderen Ton geschaffen hätte. Vermutlich wird ihr dieses Buch in zehn Jahren unglaublich peinlich sein.

 Bewertung: Kein Stern.

 


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