Unbequem und wichtig

Rezension vom 10. Dezember 2011

Michael Winterhoff: Lasst Kinder wieder Kinder sein!
Oder: Die Rückkehr zur Intuition
Gütersloher Verlagshaus
205 Seiten
Hardcover
€ 19,99

Der Titel macht erst einmal Freude. Keine Rede von Tyrannen dieses Mal. Zur Erinnerung: 2008 erschien Dr. Michael Winterhoffs erstes Sachbuch über Störungen in der psychischen Entwicklung von Kindern. Ein kluges Buch mit klugen Gedanken, über die sich nach wie vor ernsthaft nachzudenken lohnt. Leider trug das Buch den reißerischen Titel „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Ein perfekter Titel aus Sicht des Verlagsmarketings, und die über 450.000 verkauften Exemplare bestätigten die Wahl. Nur werden ja längst nicht alle der von Winterhoff beschriebenen und in ihrer psychischen Entwicklung verzögerten Kinder Tyrannen. Manche bleiben auch einfach schüchterne Mäuschen. So nahm der Titel dem Buch ein Stück seiner Seriosität, was der Inhalt durchaus nicht verdient hatte. Und letztlich warf die Lektüre zum Schluss die große Frage auf, wie diese Entwicklung zu behandeln sei. Doch für die Antwort musste man Winterhoff Band 2 kaufen. Geschickt eingefädelt.
Nun also Winterhoffs vierter Titel zum Thema. Der Autor, Humanmediziner und Kinderpsychologe mit eigener Praxis seit 1988, ist nach drei Büchern auf der Bestsellerliste soweit etabliert, dass man nun mal einen seriös klingenden Titel riskieren kann und trotzdem hofft zu verkaufen. Das freut den ernsthaft interessierten Leser, der dann am Ende auch dieses Buch irritiert schließt. Denn „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ ist kein Buch über Kinder, sondern über Erwachsene und natürlich für Erwachsene. So gut Autor und Verlag offensichtlich zusammen arbeiten, so schwer tun sie sich mit der Entwicklung von Titeln, die verkaufen und zum Inhalt passen.
Zweifellos aber hat Winterhoff hier wieder ein Feld ausgemacht, das sich lohnt zu beackern. Oder genauer: Einen neuen Bereich des seit Jahren von ihm beackerten Feldes. Seine Thesen in Kurzform:
In seiner Praxis, wo er täglich von zumeist verhaltensauffälligen Kindern und ihren Eltern besucht wird, hat er längst die Beziehung zwischen Eltern und Kind als zentrales Störfeld ausgemacht: zu partnerschaftlich, zu symbiotisch, um der kindlichen Psyche eine normale Entwicklung zu ermöglichen. Wer das genauer wissen möchte, greife zu den „Tyrannen“-Titeln, drei stehen zur Auswahl. Was aber Eltern dazu bringt, sich ihrem Kind gegenüber nicht mehr kindgerecht zu verhalten, ist ihr eigener Alltag, den Winterhoff so beschreibt:
Der Tag, die Woche, der Monat sind voll mit Terminen, der Alltag durchgeplant und nur bei perfekter Organisation (niemand wird krank, alle kommen immer pünktlich) ohne Schäden durchzuhalten. Aus dem analogen Leben wurde das digitale, mit der täglichen Flut von E-Mails, SMS, und dem Druck nach permanenter Erreichbarkeit. Das Handy wird heute von der Firma gestellt, verbunden mit der Erwartung, am Wochenende, ja, sogar im Urlaub auf Nachrichten zu reagieren. Der Stand der Technik ändert sich schneller als man hinschauen kann, kaum ist der Umgang mit neuen Geräten gelernt, drängt schon die nächste Generation auf den Markt und will erlernt werden. Die Medien fluten den Kopf mit täglichen Katastrophenmeldungen. Echte Ruhepausen? Fehlanzeige. Die Folgen für die Psyche der Erwachsenen sind diffuse Ängste, das Gefühl, permanent unter Druck zu stehen, alles schaffen, erledigen, abarbeiten zu müssen, um einem allgemeingültigen Anspruch nach Perfektion zu genügen. Das Ergebnis ist das, was eine andere Industrie unter Burnout versteht, und bis hierhin ist das Buch für alle Erwachsenen interessant, ob sie nun Kinder haben oder nicht. Und mal ehrlich: Wer kennt es nicht, dieses Hamsterrad aus Terminen, Verpflichtungen, Aufgaben und Ansprüchen? Schon allein, wer „nur“ ein Arbeits- und ein Familienleben unter einen Hut bringen muss, braucht da nicht lange zu überlegen.
Aber Eltern, deren Psyche sich beständig im „Katastrophenmodus“ befindet und die darüber ihre elterliche Intuition verlieren, sind nicht gut für Kinder. Weil dann über die Mechanismen der Projektion und der Symbiose auch die Kinder anfangen müssen, Ansprüche zu erfüllen.
Soweit ist das alles erstens sehr nachvollziehbar und zweitens lesenswert. Zumal der Psychologe ausdrücklich auf Schuldzuweisungen verzichtet und nicht die Eltern selbst, sondern einen rasanten, kaum noch steuerbaren gesellschaftlichen Wandel für diese Vorgänge verantwortlich macht. Plausible Analyse, das kann er gut.
Schade ist, dass Winterhoff für die Beschreibung des elterlichen Hamsterrads 140 Seiten braucht. Sein Anliegen wäre etwas gestrafft ebenso deutlich geworden. Vor allem passiert dem Leser Seltsames: Während der langen Lektüre fühlt sich der Leser zunehmend selbst von diesem Hamsterrad ergriffen. Eine Art inneres Unwohlsein nimmt zu, unabhängig davon, ob die Lektüre in einem ratternden Intercity oder auf dem heimischen Sofa mit dampfendem Tee und Kuscheldecke stattfindet. Ein bisschen also drängt man durch diese 140 Seiten, längst wartend auf die im Titel versprochene Botschaft, was dieses alles denn nun für unsere Kinder bedeutet – und dann kommt sie nicht, die Antwort. Hier wäre es interessant geworden. Denn zumindest die Kernzielgruppe dieses Buches, die Eltern, die sich durch den ganzen Stress gelesen haben, wünschen sich jetzt auf den letzten 60 Seiten eine ausgefeilte Erklärung des Psychologen. Was macht das denn nun genau mit unseren Kindern? Was genau passiert in der Psyche von Kindern, die hektischen Alltagen, elterlichen Förderprogrammen und subtil vermitteltem Stress ausgeliefert sind? Hier hätten wir uns fundierte Erkenntnisse des Wissenschaftlers gewünscht, und gerne zahlreiche Beispiele aus seiner Praxis. Aber leider bleibt Winterhoff an der Oberfläche.
Dem Leser bleibt am Ende das unrunde Gefühl, ein unbequem wichtiges Buch gelesen zu haben, über dessen Thema hoffentlich noch viele öffentliche Debatten stattfinden werden. Doch um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu erhalten, wird er vermutlich den nächsten Winterhoff-Bestseller kaufen müssen.
Fazit: Kaufen! Dieses Buch behandelt ein gesellschaftliches Thema, das nicht nur Eltern noch lange beschäftigen wird und in seiner Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann.

Bewertung: Lesen! Drüber nachdenken, ins Regal stellen, nächstes Jahr wieder lesen.

 


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