Politik von innen

Rezension vom 10. Januar 2012

Helmut Schmidt, Peer Steinbrück:
Zug um Zug
Hoffmann und Campe
320 Seiten, Hardcover
€ 24,99

Ob diese beiden sich tatsächlich zum Schachspielen treffen, wie Titel und Coverfoto vermuten lassen? Zeit dafür haben wohl beide nicht im Übermaß. Aber angenommen, es wäre so, dann könnte es sich ergeben, dass sie beim Spielen gelegentlich ins Plaudern kämen über dies und das und diesen und jenen.
Sätze von Helmut Schmidt sind immer ein Gewinn. Gesprochen oder geschrieben, immer druckreif. Auch inhaltlich sind die Aussagen des inzwischen 93jährigen Altkanzlers, der, je älter er wird, umso beliebter zu werden scheint, nie langweilig, nie abgedroschen. Zu seiner rund 70jährigen Erfahrung im politischen Leben gesellt sich ein Hauch von Altersweisheit, die aber auf keinen Fall mit Milde verwechselt werden sollte. Hauptsache, vorne klingt immer noch diplomatisch, was hinten drin ganz schön böse sein kann. Ein Beispiel: Auf die Frage seiner Lieblings-Interviewpartnerin Sandra Maischberger nach der Kompetenz der aktuellen deutschen Außenpolitik überlegte er kurz, um dann festzustellen: "Sie wollen doch nicht im Ernst, dass ich darauf antworte."
Verbale Tritte so fein zu verpacken, leistet sich nur Helmut Schmidt, der nichts mehr zu verlieren hat, aber nicht Peer Steinbrück, der vielleicht noch etwas erreichen will. Wenngleich auch er nicht mit Kritik am aktuellen Politzirkus spart. Steinbrücks Pfund ist die Finanzpolitik, und ein 300 Seiten langes Gespräch mit dem Vater einer Bankerin im internationalen Geschäft bietet ihm viele Möglichkeiten, um über die Finanzkrise, die Verflechtungen von Banken, Staaten und Unternehmen, und die immer stärker vernetzten Prozesse zu berichten. Dabei kann der Leser eine Menge darüber lernen, was die globale Welt im Innersten zusammen hält. Und was nicht.

Kompetenz strahlt dieses Gespräch in jedem Fall aus, auch die Substanz, die die Menschen im politischen Alltag so oft vermissen. Aber dies hier ist eben nicht politischer Alltag, dies ist ein harmonischer Altherren-Stammtisch zweier Politfreunde, die spürbar Vergnügen daran haben, sich auf der intellektuell reflektierten Ebene auszutauschen. Was Helmut Schmidt nicht daran hindert, zwischendurch zu erzählen, wie er anno 1946 mit Loki auf dem Fußboden gekniet und Wahlplakate gemalt hat. Überhaupt kommt viel Persönliches vor in diesem Gespräch. Es geht um Macht und gewinnen wollen, und um das oft nicht vorhandene Privatleben eines Berufspolitikers. Um das schlechte Gewissen des abwesenden Vaters. Um klassische Musik, Philosophie und Fußball. Darum, permanent Entscheidungen zu treffen, und sie jetzt, in diesem Moment, unter Druck und unter oft unklaren Bedingungen treffen zu müssen.
Eine Anekdote ist in diesem Zusammenhang spannend, und niemand weiß, ob Helmut Schmidt sie Peer Steinbrück und uns Lesern erzählt hätte, hätte das Gespräch nicht im Sommer 2011, sondern Anfang 2012 NACH der Affäre Wulff stattgefunden. Schmidt berichtet, wie er als Kanzler die Entscheidung traf, das nach Mogadischu entführte Flugzeug stürmen zu lassen statt den Entführern nachzugeben. Trotz größter Geheimhaltung hatten deutsche Journalisten Wind von der Aktion bekommen und eine Schlagzeile vorbereitet, weshalb er zum Telefonhörer griff, den damaligen Chefredakteur der „Welt“ anrief und ihm drohte, „…ich garantiere Ihnen, ich vernichte Ihre Zeitung …, es sei denn, dass sie alle Zeitungen wieder einsammeln, die am Bahnhofskiosk bereits heute Abend ausliegen.“

Der Beitrag erschien nicht, die Befreiung des Flugzeugs gelang. Schmidt heute: „Mir war völlig klar, dass meine Drohung an sich bereits eine schwere Verletzung des Grundgesetzes war und dass sie schwer zu verwirklichen gewesen wäre. … Ich habe gehandelt aus Fürsorge für die 90 Leute, die in diesem Flugzeug saßen. Das hatte mit Macht oder Missbrauch der Macht überhaupt nichts zu tun.“

Bewertung: Politik von innen, spannend, lehrreich, unterhaltsam.  


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