Europa braucht den Sarrazin eigentlich nicht

Rezension vom 30. Mai 2012

Thilo Sarrazin:
Europa braucht den Euro nicht
Deutsche Verlags Anstalt
462 Seiten
€ 22,99

Da ist er ja wieder, der Herr Sarrazin. Welcome back in den Bestsellerlisten. Das Gefühl, ganz oben zu stehen kennt er schon, genau wie das Gefühl, ganz unten zu sein. Zum Beispiel in der eigenen Partei. Oder in der Gunst der Kritiker.

Sarrazins neues Buch kommt schnell, gerade mal ein Jahr nach seinem letzten. Die Debatte, die „Deutschland schafft sich ab“ 2011 ausgelöst hatte, ist noch so frisch in den Köpfen der Menschen und war inhaltlich so hochgradig ideologisch besetzt, dass es jetzt fast unmöglich erscheint, sein neues Buch nicht mit dem letzten in Verbindung zu bringen. Dabei hätte das Buch es verdient, wie jedes andere, dass man es sachlich und für sich allein betrachtet, aber unweigerlich fragt der Hinterkopf: Wird er wieder so sehr provozieren?

Nein, tut er nicht. Die beinahe provokanteste These steht auf dem Titel.

In der Einleitung verrät Thilo Sarrazin uns seine Meinung über die Bundesregierung, die Kanzlerin und ihre europäischen Kollegen, die weder die Finanzkrise, noch die Staatsschuldenkrise, noch die durch beide ausgelöste Euro-Krise in den Griff bekommen. Das ist zwar populistisch, aber dennoch eine vergleichsweise harmlose Einschätzung, zu der jeder Beobachter des aktuellen Politzirkus relativ leicht kommen kann. Und – ohne jemanden der handelnden Personen in Schutz nehmen zu wollen: Dass unsere Kanzlerin über ein Jahr gebraucht hat, um sich aktiv in dieses Thema hineinzuschrauben, sagt nicht nur etwas über Frau Merkel aus, sondern auch darüber, wie extrem komplex dieses Thema ist.

Wie komplex, das bekommt der Leser dann auf über 400 Seiten vorgeführt, denn der Rest ist gründliche Fleißarbeit. Kurz nach Adam und Eva geht es los: Angefangen bei der Neu-Organisation der Weltfinanzen nach dem Zweiten Weltkrieg, bekommen wir einen historischen Abriss über die Entwicklung der Finanzwirtschaft Deutschlands, Europas und der wichtigen internationalen Partner innerhalb der letzten 70 Jahre vorgeführt. Und zwar gründlich. Immer schön verknüpft mit der Biografie Sarrazins, der ja an vielen Stellen beobachtend und gestaltend mitgearbeitet hat. Die Geschichte des Euro von der Idee bis (fast) heute wird ins Kleinste seziert vorgetragen.

Ja, das ist streckenweise seeehr langweilig. Deshalb aber nicht unbedingt schlecht und schon gar nicht provokant. Vermutlich ist Sarrazins Buch nicht wissenschaftlich genug, um VWL-Studenten als Recherche zu dienen. Für den populären Sachbuchmarkt aber ist es definitiv zu detailverliebt. Wenngleich man natürlich eine Menge darüber lernen kann, wie globale Wirtschaft und politischer Zirkus funktionieren. Vorausgesetzt, man ist bereit, sich ein paar Abende mehr als sonst Zeit zu nehmen.

Auf die Hälfte reduziert, hätte es ein sehr spannendes Buch eines Fachmannes sein können, denn der ist Sarrazin bei diesem Thema ja zweifellos. Das wäre im Sinne des Lesers gewesen, aber nicht unbedingt im Sinne des Autors. Denn letztlich dient die unglaubliche Fülle an Detailwissen aus der Finanzwirtschaft ihm auch dazu - und das ist das eigentlich Interessante an diesem Buch - , den zu erwartenden Kritikern jeglichen Wind aus den Segeln zu nehmen: Kaum ein Ökonom, kaum ein Journalist, schon gar kein Politiker wird sich anmaßen können, dieses Monstrum lexikalischer Fakten inhaltlich zu zerlegen. Dabei bietet jede einzelne Seite Gelegenheit, Sarrazins Behauptungen zumindest in Frage zu stellen. Aber wer will das tun? 

Deshalb bin ich gespannt auf die Gespräche mit und gegen und über Thilo Sarrazin in den kommenden Talkrunden. Und gewinne am Ende den Eindruck, dass Thilo Sarrazin selbst noch unter dem Einfluss der vernichtenden Kritiken an seinem letzten Buch stand. Denn diese Fleißarbeit ist auch subtile Selbstverteidigung zwischen zwei Buchdeckeln.  

Fazit: Der deutsche Leser braucht den Sarrazin eigentlich nicht. Aber der Buchhandel liebt ihn, und bei der DVA reibt man sich schon in der ersten Woche nach Erscheinen die druckergeschwärzten Hände. Ist doch auch schön.

Bewertung: Die erste Finanz-Enzyklopädie auf Platz 1 der Bestsellerliste

 


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