DAS GROSSE FERNWEH

Meike Winnemuth
Das große Los

Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr
Knaus Verlag
336 Seiten
€ 19,99

Rezension vom 25. März 2013

 

Liebe Meike Winnemuth,

 irgendwie ist es ja ein bisschen schräg, Briefe von Blog zu Blog zu schreiben. Aber Ihr Buch passt so was von perfekt in meinen Blog „Bestseller!“, und dass Sie selber auch einen Blog schreiben, dafür kann ich ja nichts. Bis gerade kannte ich ihn auch gar nicht. Leider.

Und dass ich jetzt hier sitze und über Ihr Buch schreibe, liegt allein an Ihnen. Eigentlich denke ich nämlich seit ein paar Wochen darüber nach, ob die Leipzig-Award-Nominierung meines e-books „Wie kommt man auf die Bestseller-Liste?“, das dem Blog folgte und so wenig geplant war wie Ihre Weltreise nicht ein wunderbarer Abschluss für mein zwölf Monate dauerndes Sachbuch-Projekt ist. Und ich damit einfach die Seite schließe. Zumal ich gerade ziemlich fett in anderen Projekten stecke. Und dann kommen Sie mit Ihrem großen Los dazwischen.

Vor ein paar Tagen ging ich mal wieder einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nach: Bücher shoppen. Und da lag Ihr Buch auf dem Stapel in der Mayerschen der Essener City und guckte mich an. Erst von hinten, dann drehte ich es um. Schöner Titel, so einfach und doch so schön zweideutig. Angesprungen hat mich aber erst mal Ihr Name, der mir bekannt vorkam. Zeitschriften? Kolumnen? Amica vielleicht?? Irgendwo in grauer Journalisten-Vorzeit hat mein Gehirn Sie abgelegt. Genau weiß ich es nicht mehr. Aber die Sache mit Günther Jauch und den 500.000 Euro, die zieht natürlich. Fast mehr als die Weltreise. Hätte ich auch aufs Cover geschrieben.

Ich habe eine Minute überlegt, ob ich Ihr Buch wirklich kaufen soll. Weil der Korb schon so voll war und ich gerade so viel Pflichtlektüre habe, dass für Spaß-Bücher eigentlich keine Zeit ist. Und persönliche Reiseberichte, bei aller Liebe zum Buch… puh.

Wie Sie sehen, habe ich es doch gekauft. Ein bisschen wahrscheinlich, weil ich Bücher liebe, die irgendwie anders sind, wahrscheinlich hat aber auch mein genetisch eingebautes Fernweh Ihren Titel einfach durch gewunken. Ich habe in meinem Leben zwei, drei (kürzere!) Reisen dieser Art gemacht, und sie gehören zu den Erlebnissen, die mich bereichern werden solange ich klar denken kann. Die Erfahrung, die eigene Existenz aus der Perspektive einer fremden Kultur zu betrachten, ist unbezahlbar.

Ihre Städte haben auch ganz schön gelockt. Weil ich einige live kenne (Für einen ganzen Monat in Mumbai haben Sie meinen vollen Respekt!), andere immer schon kennenlernen wollte, und mich bei manchen gefragt habe, was einen bloß dorthin zieht. Ich habe am selben Abend angefangen zu lesen und konnte schon nach den ersten Seiten nicht aufhören. Bei Kapitel Zwei stellte mein Hinterkopf während des Lesens eine Liste von Menschen zusammen, denen ich Ihr Buch schenken oder empfehlen müsste. Bis San Francisco habe ich es chronologisch geschafft, dann musste ich den Rest überschlagen und erst mal lesen wie es war, wieder zu Hause anzukommen. Schon lange hat mich ein Buch nicht mehr so gezogen. (Witzigerweise las ich den größten Teil während meiner Osterferien in einem holländischen Ferienhaus. Ziemlich exakt das Gegenteil Ihrer Reise, aber für Millionen Eingeborene von Nordrhein-Westfalen die schnelle Chance, in drei Stunden am Meer zu sein. Und jetzt sitze ich am Sonntagabend um Mitternacht am Tisch und schreibe diesen Text, obwohl ich mich eine Woche lang nur ausschlafen wollte.)

Was mir gefallen hat an Ihrem Projekt, 12 Städte in 12 Monaten zu bereisen, war das Vorhaben, dort nicht ganz touristisch unterwegs zu sein, sondern die Kultur aufzunehmen, einzutauchen, mitzumachen. So gut die jeweilige Kultur es eben zulässt, mit oder ohne den Schock. Was Sie darüber so unglaublich reflektiert, oft ziemlich emotional, aber immer in erholsam präziser Journalistensprache erzählen, hat viel weniger mit den Orten als mit Ihnen selbst zu tun, schließlich präsentieren Sie ja die ganze lange Geschichte in Form von sehr persönlichen Briefen an Freunde, Familie und sogar sich selbst. Und so hat man als Leser zum Schluss das Gefühl, Sie ganz schön gut zu kennen. Und doch könnte ich am Ende gar nicht mit rationalen Argumenten erklären, warum mich Ihr Buch während dieser paar Lesetage so beschäftigt hat (vor allem zwischen den Lesestunden). Natürlich lernt man eine Menge über die Welt. Viele nette Anekdoten, ja, auch. Aber das ist nicht alles. Vermutlich hat Ihr Buch bei mir einfach einen Knopf gedrückt. Es setzt Gedanken in Gang, die möglicherweise zu Handlungen führen. In diesem Sinne haben Sie Ihr höchstes Ziel erreicht: anderen Menschen etwas mitzugeben.

Ihre Kernbotschaft „Ich reise durch die Welt und schreibe auf, was das mit mir macht“ – zieht sich von der ersten Seite an durch das Buch, und das ist es wohl, was in den nächsten Monaten dafür sorgen wird, dass Ihnen die Leser in Scharen zulaufen werden. Punkt 1: Banales Fernweh. Punkt 2, schon schlimmer: Raus aus dem Hamsterrad des Alltags. Punkt 3, am schlimmsten: Was genau will ich eigentlich wirklich in diesem Leben? Ob Ihnen das jetzt passt oder nicht, aber ein bisschen gehört Ihr Buch damit auch ins Ratgeberregal.

Keine Sorge. Jeder vernünftige Buchhändler wird es auf den Bestsellertisch legen. Dann wird es bei sehr vielen anderen Menschen den gleichen Knopf drücken wie bei mir. Und Sie können schon mal langsam darüber nachdenken, was Sie mit den nächsten 500.000 anstellen.

Ich bin jedenfalls sehr neugierig. Und ich bin sicher, der Rest der Welt ist es auch.

 

Herzliche Grüße aus dem schönen Ruhrgebiet von Simone Kaczerowski

 

Bewertung: Für die Seele des ewig Reisenden. Bald ein Bestseller.

 

 


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