Sammlerstück für Fans

Rezension vom 30. Januar 2012

Loriot: Bitte sagen Sie jetzt nichts
Gespräche
Diogenes
255 Seiten, Hardcover
€ 21,90

Kann man Loriot lesen? Muss man Loriot nicht sehen?

Es gibt ja wirklich nicht viele Werke, für die ich das Fernseh-Format jedem anderen vorziehen würde, aber dieses hier: Loriot in Form von schwarzen Buchstaben auf weißem Grund - kann das überhaupt funktionieren? Ich bin mehr als skeptisch, als ich das Buch aufschlage. Und dann passiert es doch: Ich lese in den Interviews, die Loriot Journalisten im Laufe seines Lebens gegeben hat, und sehe ihn vor mir. Ich lese seine Antworten und höre dabei seine Stimme, wie er freundlich, höflich, in gewählten Worten klitzekleine Gemeinheiten von sich gibt. Ich sehe sogar, wie er dazu mit den Augen zwinkert. Und wie er leicht die Stirn runzelt, wenn er nervös wird.

Das Phänomen Loriot existiert als Fernsehunterhaltung, seit ich denken kann. Ich habe es so verinnerlicht, dass ich sogar in der Lage bin, Interviews von 1968 zu lesen (da musste aber eine Verlagspraktikantin verdammt tief im Archiv graben). Manches ist sogar ganz nett. Zum Beispiel, wenn Vicco von Bülow auf die Frage, auf welche Seite seines Ruhmes er verzichten könne, antwortet: „Auf Interviews wie dieses hier.“ Und natürlich erfährt man, wenn man möchte, einiges aus seinem Leben und gelegentlich Gedanken zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die aber meistens knapp ausfallen, weil Loriot von Berufs wegen gerne auf den Punkt kommt und keine überflüssigen Wörter spricht.

Aber den Küchen-Fragebogen von Wolfram Siebeck aus der ZEIT von Oktober 1999, wo Loriot versucht, in 26 Antworten möglichst wenig über sein Ess- und Kochverhalten preiszugeben (was ihm gelingt) – brauchen wir den heute wirklich noch?  17 Interviews aus den Jahren 1968 bis 2009 bieten die 255 luftig bedruckten Seiten. Dafür muss der Käufer 21,90 Euro berappen, was ja mal nicht zu knapp ist für Material aus der Mottenkiste.

Andererseits: Nach seinem Tod im August 2011 war ein Medien-Hype um Loriot vorauszusehen. Und ein Verlag ist nun mal ein kommerzielles Unternehmen, so gerne wir auch das Buch als Kulturgut hoch halten mögen. Insofern kann man es keinem Unternehmer übel nehmen, wenn er versucht, das Maximum an Profit für sich und seine Leute rauszuholen. Und letztlich ist es für den Diogenes Verlag, dem Loriot sein Leben lang verbunden blieb und der alle seine Werke veröffentlichte, beinahe eine Pflicht, ein Vermächtnis herauszugeben. Verleger Daniel Keel, der einen Monat nach Loriot starb, hat mit „Bitte sagen Sie jetzt nichts“ wohl seine letzte große Aufgabe verrichtet. Die persönliche Verbundenheit zwischen Autor und Verleger, die Daniel Keel und Vicco von Bülow über viele Jahre pflegten, beruflich wie menschlich-moralisch, finden wir leider nur noch in einer Generation, die ausstirbt.

Wie auch immer: Wer noch kein Fan von Loriot ist, wird es mit diesem Buch auch nicht werden. Wer ein großer Fan ist, wird dieses Buch unbedingt brauchen. Mir wäre ein einziger neuer Sketch lieber gewesen.

Bewertung: Sammlerstück für Fans

 


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