Ein mutiges Buch

Rezension vom 12. Dezember 2011

Gaby Köster: Ein Schnupfen hätte auch gereicht
Meine zweite Chance
Scherz Verlag
264 Seiten, Hardcover
€ 18,95

Normalerweise mache ich einen großen Bogen um Bücher, in denen Prominente erzählen, was ihnen im Leben Schlimmes widerfahren ist. Seelenbeichten und Befindlichkeitsstörungen zwischen Buchdeckeln zum Zweck der Aufbesserung einer ohnehin meist prall gefüllten Kasse sind nicht so meine Sache. Hier liegen die Dinge anders. Stellt euch vor, liebe Bücherfreunde, ihr seid allein erziehende Mutter eines Kindes. Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Genau. So etwas ist Gaby Köster passiert, und nachdem sie, die ihr Geld mit Fernsehen verdient hat, über drei Jahre lang nicht arbeiten konnte, hat sie ein Buch geschrieben. Über sich, ihren Schlaganfall, der sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, ihren Kampf zurück in ein immer noch nicht selbstbestimmtes Leben, ihren Sohn, der ihr „Zivi“ wurde, ihre Familie, ihre Freunde, ihr Seelenleben. Ziemlich privat. Privater geht es eigentlich nicht. Krankheit als Buchthema, das ist wohl eines der letzten Tabus. Mutig ist das. Wobei man nicht unterscheiden kann, ob dieses Buch nur Mut oder auch ein Stück weit eine Verzweiflungstat bedeutet. Schließlich hat Gaby Köster den Verkaufsstart ihres Buches im September 2011 mit Auftritten in mehreren Talkshows gepusht. Ein normaler Vorgang in ihrem Beruf, nur nicht, wenn man nach einem Schlaganfall immer noch schwer behindert ist. Und die Zuschauer, die einen noch als schnoddrige, schlagfertige, lustige Comedian mit großer Klappe kennen, nun einen schwer kranken und gezeichneten Menschen erleben. Betroffenheit und Mitleid auf breiter Basis hat Gaby Köster damit ausgelöst. Das muss ihr klar gewesen sein. Wie leicht oder schwer sie das erträgt, vermag man kaum zu beurteilen.

Die sachliche Rechnung zumindest ging schon mal auf: Zwischen September und Dezember 2011 liegen fünf gedruckte Auflagen, und man darf davon ausgehen, dass schon die erste nicht allzu klein ausgefallen ist.

Und inhaltlich? Gaby Köster erzählt, wie sie ihren Schlaganfall und die Zeit danach erlebt hat und streut Kapitel aus ihrem „früheren Leben“ ein, so dass sich eine Art biografisches Puzzle ergibt. Fast in jeder Zeile sieht man sie vor sich, wie man sie aus dem Fernsehen in Erinnerung hat. Sie schreibt wie sie spricht, deshalb ist dieser Seelen-Striptease in der Form nicht intellektuell anspruchsvoll, sondern schnoddriges Kölsch, und der Ton nimmt an so mancher Stelle dem Thema ein wenig die Schwere. Was nicht darüber hinweg täuscht, dass wir hier inhaltlich harte Kost vorgesetzt bekommen. Manch körperliches Detail wollte der Leser vielleicht gar nicht wissen, aber das hat Gaby anders entschieden, Sekt oder Selters, also Flucht nach vorne. Offen, authentisch, man glaubt ihr jedes Wort. Und damit die Lektüre nicht nur traurig wird, hat sie, wir atmen beinahe auf, noch ein paar Nettigkeiten aus der Abteilung „Hinter den Kulissen eines Prominentenlebens“ eingestreut. Freizeit Revue, die Aktuelle und BILD, aber auch die Herren „Ritas Welt“-Produktioner von RTL kommen dabei gar nicht gut weg. Nix mehr zu verlieren, die Frau, die Zeiten der diplomatischen Freundlichkeiten sind im Leben von Gaby Köster vorbei – wenn es sie jemals gegeben hat. Auch aus der Comedy-Szene gibt es Anekdötchen, und darüber freuen sich bestimmt sogar die Leser, die gar nicht scharf auf Interna waren, sondern einfach nur froh sind, dass es zwischendurch was zu Lachen gibt. Ich klappe das Buch zu mit dem Gefühl, diese Frau jetzt gut zu kennen, ob ich wollte oder nicht. Wollte sie das?

 Bewertung: Mutig. Respekt.  

 


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