Wie Fortschritt funktioniert

Rezension vom 1. Februar 2012

Walter Isaacson: Steve Jobs
Die autorisierte Biographie des Apple-Gründers
C. Bertelsmann Verlag,
704 Seiten, Hardcover
€ 24,99

Ich sage es gleich: Bei diesem Thema bin ich nicht einen Hauch von objektiv, weil ich zu den Jüngern gehöre. Irgendwann in meinem Leben hatte ich die Gelegenheit, in einer Werbeagentur zu arbeiten. Wer diese Branche einmal von innen kennengelernt hat, der weiß, dass Werbeagenturen und Nicht-Apple-Computer einander ausschließen. An meinem ersten Arbeitstag bekam ich einen neonfarbenen iMac auf den Tisch gestellt und war erst einmal nur froh, dass er nicht pink war. Aber dass er hauptsächlich aus Monitor bestand, ohne einen riesigen Kasten unter dem Tisch, fand ich damals beeindruckend. Nach ein paar Tagen, in denen ich natürlich viel fragen und noch mehr ausprobieren musste, war ich infiziert: Das Arbeiten an diesem Gerät funktionierte so viel einfacher, intuitiver und damit schneller als mit den Rechnern, die auf Microsoft-Betriebssystemen basierten. Als ich die Agentur nach drei Jahren verließ, weinte ich. Nicht wegen der Agentur, sondern weil ich den iMac zurück lassen musste.

Irgendwo zwischen Seite 350 und 450 dieser Biografie habe ich dann erfahren, wie der iMac entwickelt wurde. Dass Steve Jobs den Namen, der von seinem Team vorgeschlagen wurde, zuerst gar nicht mochte. Dafür aber in das Kunststoffgehäuse unbedingt einen Tragegriff einlassen wollte. Dass die Idee, dass Gehäuse transparent und damit das Innenleben sichtbar zu machen, exakt der Apple-Philosophie entsprach, denn auch die nicht sichtbaren Teile sollten immer in Top-Qualität gestaltet sein. Ja, und dass er einen seiner berühmten und gefürchteten Wutanfälle bekam, als er am Abend vor dem offiziellen Probelauf den ersten komplett zusammengebauten iMac testete und eine CD-Schublade ausfuhr. Anstelle eines schlichten Schlitzes, den er eigentlich haben wollte. Die CD-Schublade war 1998 im Denken des Steve Jobs bereits technologische Vergangenheit. Und weil er so sehr in die Zukunft dachte, hat er für seine neuen Produkte niemals Marktanalysen vornehmen lassen. Wozu die Menschen nach etwas befragen, von dem sie noch gar nicht wissen, dass sie es demnächst haben wollen?

Für den Leser ist die Lektüre dieser Biografie vor allem deshalb spannend, weil die Produkte, die Steve Jobs erdacht hat, in unserem Alltag angekommen sind und sein Lebenswerk damit nachvollziehbar machen. Stellenweise liest sich das Buch wie ein „Making of“. Und dass seine Konzepte für das iPhone, das iPad und den iPod bereits aus den 80er Jahren stammen, ist kaum vorstellbar, wenn man den damaligen Stand der Technik bedenkt. Anscheinend hatte ja Steve Jobs auch bei seinem Tod noch Ideen für Neues in der Schublade, die seine Nachfolger zur Apple-Produkt-Reife weiter entwickeln. Wir warten auf iTelevision.

Isaacsons Schilderungen aus dem Leben des Apple-Gründers sind streng chronologisch und von einer Detailverliebtheit, die Steve Jobs würdig ist. Auch wenn er sich durchaus keine Mühe gibt, Jobs positiver zu schildern als er war, hat er ein großes Werk geschaffen. Ein Denkmal war es wohl auch, was Jobs wollte. Hätte er sich sonst den Biografen von Albert Einstein und Henry Kissinger ausgesucht? Isaacson hatte die Anfrage, eine Biografie zu schreiben, zunächst abgelehnt und sagte erst zu, als Jobs mehrmals beharrlich nachhakte. Lesen wollte Steve Jobs das Buch nicht, noch nicht einmal Einfluss auf den Inhalt nehmen. Was mehr als erstaunlich ist für einen Kontrollfreak wie ihn. Aber das Bewusstsein seines nahenden Todes hat wohl hier eine Rolle gespielt. Rund 40 Interviews hat er Isaacson gegeben, und viele, viele Menschen, die Jobs kannten, wurden befragt. Die Materialsammlung des Walter Isaacson für diese 700 Seiten muss unglaublich gewesen sein. Dass er einfach schildert, ohne zu werten, tut dem Buch gut und lässt Steve Jobs so puristisch erscheinen, wie er es sich wohl gewünscht hätte: so genial und so besessen, so begeistert und egozentrisch, so ungeduldig, leidenschaftlich konzentriert auf seine Sache und völlig desinteressiert am eigenen Image.

Das Ergebnis ist wirklich lesenswert. Nicht nur, wer selbst Unternehmer ist, sondern jeder, der sein Schicksal nicht in die Hände von Anderen legen mag, kann hier etwas lernen.

Bewertung: Ein Muss für das Klassiker-Regal im iPad.

 


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