Schmackofatz einer echten Rampensau

Jamie Oliver:
Zu Gast bei Jamie
Die besten Rezepte aus dem Königreich
Dorling Kindersley
410 Seiten
€ 24,95

Rezension vom 15. Juli 2012

Ich muss sagen, ich war überrascht, als ich dieses Buch zum ersten Mal in den Händen hielt. So ein dickes, schweres Buch! 400 Seiten über das, was wir als Fish & Chips, Minzsaucen- und Pudding-Küche kennen? Wer hätte gedacht, dass die englische Küche so viel hergibt. Da muss persönlicher Ehrgeiz im Spiel gewesen sein, oder? Aber es kommt noch besser. Im Untertitel verspricht Jamie Oliver, dass er auf diesen 400 Seiten nur „die besten Rezepte aus dem Königreich“ versammelt hat. Nicht etwa alle.

Soweit die gängigen Vorurteile über die englische Küche. Die sich dann auch schnell in Luft auflösen, sobald man das Buch aufschlägt und eintaucht in hübsch gestaltete Seiten, kreatives Layout, viele Fotos, authentische Texte … ja, das ist Jamie Oliver, wie wir ihn kennen: Nette Anekdötchen zu jedem Rezept, viel Persönliches, auch vor Familienfotos schreckt er nicht zurück. Wir sehen ihn auf dem Markt, auf dem Motorroller, natürlich am Herd, an Englands schöner Küste – und immer ist etwas Kulinarisches im Spiel, sogar beim Schneespaziergang mit seinen vier Kindern. Sehr schön aufgemacht ist dieses Buch, und optisch hätte es sein bestes werden können, würden nicht eine ganze Reihe mittelmäßiger Food-Fotos (verkokelte Fleischspieße usw.) den Gesamteindruck trüben.

Aber so sehen Bücher aus, wenn eine echte Rampensau den Ton angibt. Und Jamie, dessen Gesicht auch nicht mehr so schmal und kantig lächelt wie aus seinen ersten Büchern vor rund zehn Jahren, diesem Jamie hier nimmt man es sofort ab, dass er am liebsten jedes seiner Gerichte selbst auffuttern würde. Sein Buch macht wirklich Lust. Und weil ich persönlich Kochbücher eher als Inspiration benutze und weniger, um Rezepte 1:1 nachzukochen, gefällt es mir.

Natürlich wäre Jamie nicht Jamie, würde er hier streng Englands Klassiker veröffentlichen. Auch wenn Omas Rezepte ihren Platz haben – aber die meisten klingen doch sehr nach „ich habe sie ein wenig variiert“ oder „man kann auch noch dieses oder jenes Gewürz verwenden“. Was, bei allem Respekt, die englische Küche nicht schlechter macht. Sie kann sich sowieso keinen besseren Botschafter als Jamie Oliver wünschen. Mehr als einmal erzählt er von dem Pub in Essex, wo er aufwuchs und bei seinen Eltern das Kochen lernte.

Und inhaltlich? Ein Rezept habe ich, weil es so schön schnell ging, sofort ausprobiert: das Irische Kartoffelpüree – es war super. Zwei Rezepte muss man einfach probieren, nämlich das „Thronjubiläums-Hähnchen“ (kein Scherz, das „coronation chicken“ wurde zur Krönung 1953 erfunden!) und „Kate & Will’s Hochzeitspastete“. Beide klingen auch vergleichsweise harmlos. Ansonsten darf man sich nicht vor toten Tieren und ihren Einzelteilen gruseln, will man in diese Küche tiefer einsteigen. Ohnehin sollten Vegetarier von diesem Buch die Finger lassen. Sogar im Gemüse-Kapitel schafft Jamie es noch, dem Rosenkohl eine Bratwurst unterzuschieben. Für den „Steak & Nieren Pudding“ und „Schweineschwarten-Cracker“ aber muss man wohl ein Minimum an schwarzem Humor mitbringen. Als Ausgleich gibt es dann ein richtig fettes Kapitel mit Süßspeisen.

Fazit: Wenn in diesen Tagen der London-Olympia-Hype losgeht, braucht man dieses Buch. Mindestens, um kulinarisch mitreden zu können.

Bewertung: Echter Schmackofatz.

 


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