Babybuch, mal anders

Ildikó von Kürthy
Unter dem Herzen
Wunderlich
300 Seiten
€ 14,95

Rezension vom 5. Oktober 2012 

Nicht schon wieder ein Baby-Buch, habe ich gedacht, als ich von Ildikó von Kürthys neuem Werk erfuhr. Schon wieder ein Promi, der nach seiner Babypause den Erkenntnisgewinn aus einem Leben ohne Schlaf, aber mit vollen Windeln in den Computer hackt und auf den Markt wirft. Ich glaube, mit Axel Hacke und seinem Erziehungsberater hat es mal angefangen: Seitdem erhalten wir in regelmäßigen Abständen Berichte über die normalste Sache der Welt, das Kinderkriegen. Meistens auf Verona-Pooth-Niveau. Zuletzt nervte Michael Mittermaier mit seinem Ich-bin-jetzt-auch-ein-stolzer-Papa-Programm. Und natürlich landen solche Bücher ganz schnell auf den Bestsellerlisten, dafür reicht ja der prominente Name.

Muss das sein, Leute? Könnt Ihr Euer Geld nicht anders verdienen? Und habt Ihr mal darüber nachgedacht, wie Eure Kinder das finden, wenn sie eines Tages selber lesen können? Ich hatte keine Lust auf dieses Buch. Und dann noch dieser kitschige Titel: „Unter dem Herzen“, und das auch noch in Pink gedruckt. Außerdem finde ich, dass der Untertitel „Ansichten einer neugeborenen Mutter“ weder zum Titel noch zum Inhalt passt. „Ansichten“ klingt so austauschbar, als wäre niemandem im Verlag etwas Besseres eingefallen.

Ich starte also mehr als unlustig. Und bin dann doch positiv überrascht. Ein bisschen jedenfalls. Erwartet hatte ich ein lustiges, schnoddriges, selbstironisches Buch im lockeren Kürthy-Stil, in dem die Autorin ihr ungenommen grandioses Talent auslebt, Details des Alltagslebens in markigen Worten auf den Punkt zu bringen. Diese Erwartung löst sie hundertprozentig ein. Es gibt reichlich Stellen, an denen ich laut lachen musste. Und natürlich schafft sie es, die Gefühlswelt „schwangerer Eltern“ in treffende Worte zu fassen.

Was ich nicht erwartet hatte, war, dass ihr Buch nicht nur lustig, sondern an vielen Stellen traurig, nachdenklich und sogar ansatzweise (gesellschafts-)politisch ist. Themen wie Großeltern, die schon im Himmel wohnen, Frauen, die keine Kinder wollen und sich ständig dafür rechtfertigen müssen, am Familienprojekt scheiternde Paare und Versuche von Lebensmodellen zwischen Beruf und Familie werden immerhin gekratzt. Auch wird mit einigen Mythen aufgeräumt: Ja, das Leben mit Kleinkindern UND Beruf ist SO anstrengend, dass Mama oft nicht weiß, wo vorne und hinten ist, geschweige denn, ob sie irgendwo glücklich ist.  

Dass Ildikó von Kürthys Tagebuch-Einträge nicht nur ihre tatsächlichen Erlebnisse zeigen, sondern sie über den Tellerrand guckt und denkt, wertet ihr Buch auf. (Allerdings: Von einer Stern-Journalistin sollte man dieses Minimum an Reflexion auch erwarten können.) Schade finde ich, dass sie ausgerechnet an den kritischen politischen Fragen der Familienpolitik Freundinnen sprechen lässt und sich so hinter die Meinung anderer zurückzieht. Sogar ihre Romanfiguren müssen dafür herhalten. Die zwischendurch eingeschobenen seitenlangen Auszüge aus ihren eigenen Romanen waren mir dann doch zu langatmig.

Mein Fazit: Ich wünsche mir mehr Sachbücher von Ildikó von Kürthy. Aber bitte zu anderen Themen! Sie hat eine tolle Beobachtungsgabe und ein großes Talent zum Sätze Bilden. Ich wünsche mir, dass sie mehr Mut zur eigenen Position entwickelt und sich mal langsam erwachsenen Themen zuwendet. Dann kann sie das Gejammer über fettige Haare, speckige Oberarme und drei Kilo zu viel endlich in ihr Privatleben verdammen. Jenseits der 40 wird das nämlich langsam albern. 

Bewertung: Der beste Ratgeber für Männer schwangerer Frauen 

 

 


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