Unangenehm, aber zu Recht ein Bestseller

Heinz Buschkowsky
Neukölln ist überall

Ullstein Verlag
400 Seiten
€ 16,99

Heinz Buschkowsky ist Bürgermeister des Berliner Stadtteils Neukölln. Neukölln ist ein sogenannter „Problembezirk“: über 300.000 Einwohner, die meisten von ihnen Migranten. Damit ist das Thema dieser 400 Seiten definiert. Und wer nicht in einem ähnlichen Bezirk wohnt oder aus anderen Gründen tagtäglich mit dem Thema Integration befasst ist, nimmt dieses Buch vielleicht mit dem leicht befremdlichen Gefühl eines gesellschaftlichen Randthemas in die Hand. Der Gedanke „Ja, gibt es, aber nicht bei mir“, liegt für viele Leser nahe, auch für mich. Nach der Lektüre hat sich das Gefühl gewandelt.

Es ist immer noch befremdlich, aber es ist kein Randthema mehr. Dafür reicht Heinz Buschkowskys einfache Rechnung. Nämlich die, dass deutsche Frauen im Durchschnitt 1,5 Kinder bekommen. Migrantinnen drei, vier und mehr. Der Migrantenanteil wird sich also innerhalb weniger Generationen von jetzt rund 5 % der Bevölkerung deutlich verändern. Das aber ist nicht das Problem. Das Problem ist, so Buschkowskys provokante These, dass ein Großteil der Migranten das Leben in unserem Land nicht bereichert, sondern belastet. Punkt.

Das ist durchaus als Vorwurf an Integrationsunwillige zu verstehen. Und dauernd betonen, dass es natürlich auch die anderen gibt, dazu hat Herr Buschkowsky keine Lust. Höflich sein will er nicht. Offensichtlich gewöhnt man sich äußerliche Schnörkel ab, wenn man in Neukölln lebt. Dennoch ist für ihn das weit größere Problem, dass Migranten, die sich nicht integrieren wollen, mit dieser Haltung in Deutschland von offenen Kassen empfangen werden. Und dass der deutsche Staat die "Neuköllner Zustände" nicht nur nicht verhindert, sondern mit seiner Gesetzgebung geradezu dazu einlädt. 

Offen bis an die Schmerzgrenze schreibt Buschkowsky über sprachliche Mängel, soziale Verwahrlosung, Schulverweigerung, fundamentalistische Clans, Gewalt als Lebensstil, Zwangsehen mit eingeflogenen Bräuten und - leider - exzellente Kenntnisse des deutschen Sozialsystems. Weil er so konkret und so authentisch darüber schreibt, glaubt man ihm ohne mit der Wimper zu zucken, dass er viele der geschilderten Fälle selbst erlebt hat.

Das unterscheidet ihn von seinem Autorenkollegen Sarrazin, der sich mit der gleichen Thematik auch schon einmal auf dieses dünne Eis begeben hat. Und wohl aus der Sorge heraus, am Ende mit Thilo Sarrazin in einen Topf geworfen zu werden, baut Buschkowsky in sein Buch ein Kapitel über ein langes Gespräch mit Thilo Sarrazin ein, das ihm die Chance gibt, sich inhaltlich differenziert abzusetzen.

Buschkowsky schlägt hier Alarm, aber auf die ganz laute Art. 
Und so gerät sein Buch, das sich am Anfang wie ein liebevoll vorgetragener Reiseführer zu den Schönheiten Neuköllns anliest, in der Mitte in harten und noch härteren Fakten die Probleme seines Stadtteils darstellt, die er aber stellvertretend für die gesamtdeutsche Gesellschaft verstanden wissen will, am Ende zu einem engagierten Plädoyer für Bildung, Bildung, Bildung.

Wer es noch nicht weiß, kann es hier noch einmal in allen Details und durch zahlreiche Studien gestützt, lernen: Der gesellschaftliche Erfolg im Erwachsenenleben ist direkt abhängig vom Bildungsangebot in frühester Kindheit. Und wo die Eltern das nicht liefern können, muss der Staat diese Aufgabe übernehmen. Das ist Buschkowskys Kernbotschaft.

Lobenswert an seinem Buch finde ich, dass er nicht nur eine brisante Problematik analysiert, sondern konkrete Lösungsvorschläge liefert. Das klingt selbstverständlich für den Autor eines Sachbuches, ist es aber durchaus nicht. Gerne werden „heiße Themen“ von Verlagen und Autoren über mehrere Titel ausgewalzt. Solange die Kasse klingelt, wirft man eben noch eines hinterher. Buschkowsky sagt hier deutlich bis hin zu finanziellen Details, wie er sich das Bildungssystem der Zukunft in Deutschland vorstellt: Von der Kindergartenpflicht über flächendeckende Ganztagsschulen, selbstverständlich alles kostenlos. Von einfachen Sanktionen: Kommt das Kind nicht zur Schule, gibt es kein Kindergeld. In der Pragmatik von Heinz Buschkowsky funktioniert das genauso einfach wie: Steht das Auto im Halteverbot, gibt es ein Knöllchen. Man muss es nur wollen.

Eher nebenbei erwähnt er, dass das natürlich mit unserer Länderhoheit in Sachen Bildung nicht zu machen ist. Und dass die 125 Milliarden, die jedes Jahr aus dem Bundeshaushalt in über 150 verschiedene Familienleistungen fließen (die meisten davon sind direkte Finanztransfers an Eltern und laut OECD wirkungslos für den Bildungserfolg der Kinder) doch bitte umverteilt werden sollen in den Ausbau des staatlichen Systems.

Dieses letzte Kapitel hat für mich mehr Zündstoff als die 350 Seiten davor. Und es wäre in der Tat ein eigenes Buch wert, zumindest aber eine breite gesellschaftspolitische Diskussion.

Dennoch wird gerade hier sehr deutlich: An all den beschriebenen Zuständen wird sich nur dann etwas ändern, wenn erstens von ganz oben an den Gesetzesschrauben gedreht wird, und wenn zweitens diese Schrauben ausnahmsweise mal keine kleinen Rädchen sind. Heinz Buschkowsky will keine kleinen Rädchen, denn die dreht er jeden Tag in Neukölln selber. Er will eine fundamental andere Bildungspolitik und endlich eine politische Haltung zu Deutschland als Einwanderungsland.

Das sind große Ziele. Sie sind mehr als sinnvoll und mehr als chancenlos. Denn zumindest unsere aktuelle Bundesregierung hat in drei Jahren Amtszeit bewiesen, dass sie brisante Themen erst dann anfasst, wenn vorher mindestens ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen ist. Deshalb ist damit zu rechnen, dass Heinz Buschkowskys Arbeit kurzfristig zwischen den üblichen Methoden Wegducken und Aussitzen verpuffen wird.

Sein Buch ist für mich eines der wichtigsten des Jahres, aber leider zum falschen Zeitpunkt erschienen. Man kann nur hoffen, dass der Ullstein Verlag seine Taschenbuchausgabe erst dann herausbringt, wenn Deutschland eine andere Regierung mit vielleicht offeneren Ohren hat. Und dann noch einmal ordentlich die Werbetrommel rührt.

Bewertung: Unangenehm, aber zu Recht ein Bestseller

 

 

 


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