Überflüssig, aber unterhaltsam

Nicht-Rezension vom 13. Dezember 2011

Karl-Theodor zu Guttenberg, Giovanni di Lorenzo:
Vorerst gescheitert
Herder Verlag,
208 Seiten, Hardcover
€ 19,99

Liebe Bücherfreunde, an dieser Stelle kremple ich innerlich die Ärmel hoch. Es gibt ja Bücher, über die man eigentlich nichts sagen möchte, um den völlig unnötigen Hype nicht noch weiter anzuheizen. Weil hier boykottieren eigentlich die beste Strategie ist. Andererseits habe ich das Bedürfnis, zu diesem Buch einige Sätze loszuwerden. Mir ist nämlich zufällig Folgendes widerfahren:

Am 29. November 2011 flanierte ich ausgiebig durch die City meiner Heimatstadt, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen (ja, ist früh, ich weiß.). Für mich bedeutet das aber automatisch einen Zug durch die lokalen Buchhandlungen, davon haben wir in der Essener City mehrere. Bei Thalia stand ich vor dem Bestseller-Regal und sah dort den gerade frisch ausgelieferten Guttenberg liegen. Der Blick auf die darüber hängende SPIEGEL-Bestsellerliste bestätigte, dass das Buch dort natürlich noch gar nicht auftauchte – wie denn auch zwei Tage nach Erscheinen? Na also, dachte ich mir, bald wird es soweit sein. Der kluge Buchhändler legt die neuen Titel dahin, wo er sie haben will.

Ich ging in die Mayersche. Gleiches Szenario. In eine dritte, kleinere Buchhandlung. Gleiches Szenario. Dies erzähle ich nur, liebe Bücherfreunde, damit ihr versteht, wie Bestseller gemacht werden. Nicht immer, aber manchmal. (Als ich am 12. Dezember 2011 auf die SPIEGEL-Bestsellerliste schaute, war „Vorerst gescheitert“ von Null auf Platz zwei geschossen!)
Ich habe dann eine Weile in diesem Buch geblättert und gelesen und es nicht gekauft. Ich kenne die ganze Vorab-Geschichte aus der ZEIT. Drei Seiten Vorabdruck, und die Seiten sind verdammt groß in der ZEIT. In der Ausgabe danach eine Doppelseite mit Leserbriefen (Headline: „Pfui!“) und ein Rechtfertigungsversuch von Giovanni di Lorenzo, der einem beinahe leid tun könnte, weil er sich selbst in diesem neuen Guttenberg-Schwank eine so undankbare Rolle ausgesucht hat.

Angeblich war es ja so, dass der Buchverleger Manuel Herder die Idee hatte, aus einem ersten Interview nach Guttenbergs Abflug in die USA ein Buch zu machen. Und auf die ZEIT-Chefredaktion zuging, die dies nach gründlichem Überlegen als „von öffentlichem Interesse“ betrachtete und handwerklich sauber umsetzte. Und sooo unkritisch, wie von vielen Medien kritisiert, sind die Fragen ja nun auch nicht, finde ich.

Es könnte aber auch so gewesen sein: Guttenberg sitzt seit acht Monaten vom Dienst suspendiert in den USA und guckt von außen auf zu Hause: In Europa ist die Kacke so richtig am dampfen, drängende Themen wollen politisch beackert werden. Guido Westerwelle, sein wichtigster Mitbewerber im Rennen um die rhetorisch jovialste Klappe, ist ausgezählt. Guttenberg scharrt mit den Hufen und will endlich wieder mitspielen! Sein neuer Berater verpasst ihm erst mal eine neue Frisur ohne Haargel (das er angeblich vorher brauchte, um die Masse auf dem Kopf zu bändigen, aber jetzt wird er mal authentisch und kommt ohne Hilfsmittel aus), nimmt ihm die Brille weg (die, oh Wunder, sowieso überflüssig war, wie eine reizende Augenärztin in Amerika rein zufällig feststellte) und entscheidet dann: Ein Buch! Ein Buch ist es, was in Good Old Germany am meisten Eindruck macht. Der Berater, der alle Teile von „Der Pate“ kennt, denkt sich, ich mache ein Angebot, das sie nicht abschlagen können, ruft bei der ZEIT an und sagt: Wenn ihr es nicht macht, gehe ich zum SPIEGEL. Den Rest kennen wir. In „Der Pate“ sind hinterher trotzdem alle tot. Und wie viele Abonnenten diese Geschichte die ZEIT gekostet hat, will ich gar nicht wissen. Ich mag die ZEIT.

So. Da ist jetzt aber meine Phantasie mit mir durchgegangen. Aber Phantasie ist erlaubt in der Bücherbranche. Und dem Verleger ist der Coup zu gönnen.
Als kritischer Leser könnte man nun ohne weiteres das Buch kaufen, um eine entlarvende Selbst-Demontage zu lesen. Und sich danach mit plausibler Begründung abwenden. Dann wäre der ganze schöne Comeback-Versuch „vorerst gescheitert“.

Ich habe das Buch nicht gekauft. Weil mir die Friseur- und die Brillen-Geschichte als inhaltliches Fundament schon gereicht haben. Vor allem aber, weil ich beim gründlichen Blättern keinen Hinweis darauf gefunden habe, wohin Herr zu Guttenberg die Erlöse aus den Verkäufen spenden will. Kleine Überschlag-Rechnung: Der Band kostet € 19,99 inkl. Mehrwertsteuer, netto also € 18,59. Davon etwa 10 Prozent gibt der Herder Verlag voraussichtlich in diesem Fall als Autorenhonorar ab, das macht € 1,86 pro verkauftem Buch, bei 100.000 verkauften Exemplaren, die wir hier realistisch betrachtet schon erreicht haben, € 186.000. Davon müsste natürlich Herr di Lorenzo als Mit-Autor ein bisschen was abbekommen, und wir müssen im Geiste die € 20.000 abziehen, die Guttenberg an eine soziale Einrichtung zahlen musste – wegen der vermasselten Doktorarbeit, die wir schon fast vergessen haben über der schönen neuen Frisur. Trotzdem wird am Ende ein stattliches Sümmchen übrig bleiben. Und mal ehrlich – und wirklich ganz ohne Sozialneid! – wollen wir, dass Herr zu Guttenberg mit dem Geld in Deutschland eine neue Partei gründet? Also.

Bewertung: Überflüssig, aber unterhaltsam.

 


Zum Schluss noch ein Buchtipp für alle, die Geschichten dieser Art mögen, aber auf die literarisch hochwertige Form nicht verzichten möchten:

Thomas Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Fischer Taschenbuch, € 9,95. Das lohnt sich wirklich!   


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