Dieses Buch war überfällig

Gertrud Höhler:
Die Patin.
Wie Angela Merkel Deutschland umbaut.

Orell Füssli
296 Seiten
€ 21,95

Ja, endlich, dachte ich, als ich davon erfuhr, dass die Publizistin Gertrud Höhler ein Buch über Angela Merkel geschrieben hat. Endlich, nach so vielen Jahren, die Angela Merkel nun Kanzlerin ist, schreibt mit Gertrud Höhler eine namhafte Kennerin der Politszene über sie und wird öffentlich wahrgenommen. Überfällig ist dieses Buch über eine, sagen wir, Ausnahme-Kanzlerin. Angela Merkel ist die erste Frau im Kanzleramt, Ostdeutsche zudem. Schon das macht sie in dieser Position besonders, ob man nun will oder nicht. Und dann, im Laufe ihrer Amtszeit, kristallisierte sich ein Regierungsstil heraus, den wir von keinem ihrer Vorgänger kannten und den Gertrud Höhler unter Aufbietung jahrzehntelanger Erfahrung im politischen Geschäft nun akribisch seziert.

Dass sie Frau Merkel damit keinen Gefallen tut, ist vorher klar, spätestens aber, wenn man die knapp 300 Seiten gelesen hat und verstanden hat, dass laut Höhler das „System M“ nach den Prinzipien der Geheimhaltung und des Schweigens funktioniert. Dass die Presse bei Erscheinen des Buches die Autorin ins Kreuzverhör nahm ob der Frage, welche persönliche Rechnung sie mit Frau Merkel denn noch zu begleichen habe, ist lächerlich. Höhlers Aussagen machen durchweg einen fundierten, vor allem aber einen gründlich recherchierten und sachlich vorgetragenen Eindruck.

„Ich respektiere sie, aber ich kann sie nicht erkennen“, hatte Bundespräsident Joachim Gauck über Angela Merkel gesagt. Dieser Satz, den Gertrud Höhler „philosophisch“ nennt, er könnte als Schlüsselsatz für ihr Buch dienen, und hätte Gauck ihn nicht gesprochen, hätte Gertrud Höhler ihn aufschreiben müssen. Ihre 300 Seiten dienen dazu, Frau Merkel erkennbar zu machen. Und was sie da freilegt unter der Fassade, kann niemandem gefallen.

Gertrud Höhler hat ihr Buch als Charakterstudie angelegt. Chronologisch zeigt sie den politischen, nicht den privaten Lebensweg der Kanzlerin auf, und gleich zu Anfang steht notgedrungen das DDR-Kapitel. Hier sucht sie eine psychologische Begründung für das politische Verhalten der Kanzlerin: Denn wer in der DDR laut seine Meinung sagte, hatte verloren. Ungeschoren davon kamen nur die, die sich nicht einmischten, höchstens beobachtend am Rand standen und ihre Position, falls sie eine besaßen, nicht zu erkennen gaben. Höhlers Diagnose ist so simpel und dabei so plausibel, dass sie fast ein bisschen küchenpsychologisch erscheint. Zumindest hätte ich mir an dieser Stelle etwas mehr Tiefe in der Recherche gewünscht.

Doch man versteht das Grundprinzip. Denn genau so kennen wir Frau Merkel: Ohne eigene Positionen, ohne Themen, ohne echtes Engagement für konkrete politische Ziele – solange nicht eine akute Situation sie dazu zwingt. Dann aber kann sie, so Höhler, akrobatische Haken schlagen. Die Energiewende des Jahres 2011 – Atomkraft einmal hin und wieder zurück – beschreibt sie als Merkels kühnsten Streich. Gerne, zeigt Höhler auf, besetzt sie die Themen der politischen Gegner und macht Atomausstieg und erneuerbare Energien (Grün) oder Mindestlohn (Rot) zur Chefsache, während sie den kleinen Koalitionspartner, den sie durchaus nicht als Partner begreift, am langen Arm verhungern lässt. Die Chefin entscheidet von oben. Wer nicht mitzieht, wird aussortiert. So macht sie sich selbst unangreifbar.

Bis Angela Merkel in diese Paten-Position gelangte, musste sie allerdings eine Menge Jungs zurücklassen. Angefangen von Helmut Kohl, der sie einst förderte und unterrichtete, bis sie, nachdem sie alle Lektionen des Aussitzens gründlich gelernt hatte, in einem Untersuchungsausschuss mit ihrem Wort sein politisches Ende besiegelte. Über Friedrich Merz, der Ideen hatte, aber entnervt die Politik verließ, als er erkannte, dass Ideen im System M niemals gefragt sein würden. Wie später Roland Koch. Nach sieben Jahren Merkel-Regierung sind die intellektuellen, engagierten Politiker freiwillig in die Wirtschaft gegangen oder tingeln als Außenminister durch die Welt, sind Kritiker ihrer Politik wie Wolfgang Bosbach, der die Euro-Abstimmungen verweigerte, intern aufs Abstellgleis gestellt worden.

Das System M funktioniert über Autorität, Gehorsam und Loyalität – dies aber leise hinter den Kulissen durchgesetzt und keinesfalls vor der Öffentlichkeit vorgetragen. Auffällig viele in diesem Sinne besetzte Amtsinhaber scheiterten aber an einer vermeintlich einfachen Hürde: ihrer Aufgabe. Unter ihnen zwei Bundespräsidenten, ein Umweltminister und ein hochgelobter Verteidigungs- respektive Wirtschaftsminister, der zufällig als falscher Doktor enttarnt wurde. Schon daran ließ sich über die Jahre erkennen, dass das System M nicht auf gute Arbeit, sondern auf Machterhalt ausgerichtet ist. Soweit Gertrud Höhler.

In vielen politischen Szenen, an zahlreichen Beispielen beschreibt sie die Kanzlerin als eine Politikerin, die ihre Ziele gar nicht formulieren kann, weil sie außer dem Amtserhalt keine hat. Wer das vor der Lektüre des Buches noch nicht wusste, der findet am Ende dieser 300 Seiten kaum Gegenargumente. Wer nicht vorher schon desillusioniert war nach sieben Jahren Merkel-Regierung, der ist es nach der Lektüre dieses Buches garantiert. Ein bisschen kurz in dieser ganzen langen Analyse kommt die Schlussfolgerung. Denn was bedeutet das alles?

Es bedeutet den Verlust von Demokratie, auf jeden Fall. Es bedeutet einen Rückfall in autokratische Systeme, die im 21. Jahrhundert nicht mehr passen wollen und doch so seltsam selbstverständlich akzeptiert werden. Es bedeutet aber auf jeden Fall noch mehr, und hier hätte Gertrud Höhler, so mutig ihr Buch bereits ist, durchaus noch etwas mutiger sein dürfen:

Denn wenn sie Recht hat mit ihrer Analyse, bedeutet sie, dass Angela Merkel ihr eigentlicher Job völlig egal ist. Und das ist ein Schlag ins Gesicht der 82 Millionen Menschen, die von ihr regiert werden. So naiv das klingen mag im abgeklärten und durchgestylten politischen Zirkus: Was Deutschland fehlt durch diese Kanzlerin, konnte man gerade beim Blick auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen schmerzlich erkennen: Amerika ist weit weg. Und Amerika lebt eine Philosophie, mit der wir Deutschen regelmäßig fremdeln. Dennoch hätten über 90 Prozent (!) der Deutschen Barack Obama gewählt. Warum nur?

Vielleicht, weil er bei jedem seiner Auftritte den Eindruck hinterlässt, dass er täglich aufs Neue mit vollem Engagement für sein Land kämpft?

Nach der Lektüre von Gertrud Höhlers Buch bleibt das Gefühl, dass unserer Kanzlerin ihr Land egal ist. Europa und der Euro sowieso.

Jeder kritische Bürger sollte dieses Buch lesen. Außerdem sollte es Pflichtlektüre sein für politische Journalisten und für jeden, der in Deutschland in ein Parlament gewählt worden ist.

Die Frage, warum dieses Buch von einer deutschen Autorin über eine deutsche Kanzlerin in einem Schweizer Verlag erschienen ist, kann sich jeder selbst beantworten.

 

Bewertung: Eines der wichtigsten Bücher des Jahres

 


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