Der Präsident für die Hosentasche

Rezension vom 23. Februar 2012

Joachim Gauck: Freiheit
Ein Plädoyer
Kösel Verlag,
64 Seiten, Hardcover
€ 10,00

In München, beim Kösel Verlag kommt man gerade vor Lachen nicht in den Schlaf. Ausgerechnet für Rosenmontag, den 20. Februar, war der Erscheinungstermin von Joachim Gaucks kleiner Schrift „Freiheit“ angekündigt. Dass Gauck völlig überraschend nur Stunden vorher zum neuen Bundespräsidenten nominiert wurde, hatte wohl niemand auf der Tagesordnung, am wenigsten der Autor selbst. Immerhin: Der Kösel Verlag schaffte es innerhalb weniger Stunden, seine Website zu aktualisieren und den Gauck-Titel auf der Startseite groß anzukündigen. Dann wurden die Druckmaschinen wieder angeworfen, für die dritte und vierte Auflage. Amazon.de warf am Tag nach Erscheinen die 1 als Bestseller-Rang aus. Wow! Das muss man erst mal schaffen.
Und über dieser schönen Überraschung mag man fast gar nicht mehr kritisch darauf schauen, dass hier mal wieder eine schon ältere Rede von  … na, ist ja auch egal, abgedruckt und zum Buch zweitverwurstet wurde. Fast kleinlich kommt man sich da ja vor.
Zudem ist das schön bibliophil hergestellte Büchlein klein und handlich. Da kann sich jetzt jeder frisch Verliebte seinen eigenen Gauck für die Hosentasche besorgen.
Nicht nur für Autor und Verlag, für alle Journalisten, die jetzt mal schnell zu Gauck recherchieren, sondern auch für den politisch interessierten Bürger kommt dieses Buch zum perfekten Zeitpunkt. Hier hat man auf 64 Seiten die Gelegenheit zu einem Einstieg in Joachim Gaucks Weltsicht. Denn „Freiheit. Ein Plädoyer.“ bringt die Lebensphilosophie unseres neuen Bundespräsidenten auf den Punkt. Da weiß man als Bürger gleich, woran man ist, und das ist doch ein Vorteil.
Als „Liebhaber der Freiheit“ bezeichnet er sich selbst. Dass Freiheit für ihn im Wertegefüge ganz oben steht, wussten wir schon. Liebhaberei steht ein bisschen für Genuss und Lebensfreude, oder? Beides zusammen ist jedenfalls eine sympathische Mischung, auch wenn man Bundespräsident ist. Man muss sie nur im alltäglichen Leben anders definieren als Familie Wulff.
Jedenfalls wissen wir nach diesen 64 Seiten, die sich flüssig herunter lesen, ein paar Dinge von Herrn Gauck:
1. Er drückt sich klar aus. Die Menschen werden ihn verstehen.
2. Unser deutscher Versorgerstaat ist ihm im Grundsatz suspekt. Deshalb wird er immer wieder die Verantwortung des Einzelnen anmahnen. Das unterscheidet ihn von allen bisherigen Bundespräsidenten.
3. Sein Plädoyer für die zu gestaltende Freiheit in Gemeinschaft ist gleichzeitig ein Plädoyer gegen die Angst, gegen die Anpassung und gegen übermäßiges Einordnen in die Gruppe. Das ist für Deutschland aufregend neu, aber im 21. Jahrhundert mehr als zeitgemäß.
Alles in allem: Beinahe eine Antrittsrede, vorweggenommen. Geht halt alles schneller als geplant.

Bewertung: Der kleine Gauck für die Hosentasche. Nicht ganz quadratisch, aber praktisch und gut.

  


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