Gehört zu meinen persönlichen Top 10

Rezension vom 19. Januar 2012

Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah
Kiepenheuer & Witsch
438 Seiten, Hardcover
€ 22,90

Liebe Bücherfreunde, gerade mal sechs Wochen schreibe ich jetzt an diesem Blog und muss mir schon das erste Mal untreu werden. Belletristik, hatte ich ja beschlossen und verkündet, will ich nicht besprechen. Weil das Bewerten von fiktiven Texten meiner Meinung nach so sehr von persönlichen Geschmäckern abhängt und handwerkliche Qualität nur einen Teil des Ganzen ausmacht. Und außerdem lese ich einfach selten Romane, die mich tatsächlich erreichen. Deshalb hier die Ausnahme: Ein Buch, das mich vor sieben Jahren umgehauen hat, wurde jetzt verfilmt. Am heutigen Donnerstag läuft der Film "Extrem Laut Und Unglaublich Nah" in den Kinos an, ab 16. Februar auch in den deutschen. In den Hauptrollen: Tom Hanks und Sandra Bullock. Regisseur Stephen Daldry hat mit "Der Vorleser" und "Billy Elliott" schon wunderbar empathische Filme gedreht, so bleibt Hoffnung, dass wir von Hollywood-Kitsch verschont bleiben.

Im Frühjahr 2005 war ich in New York und bekam die amerikanische Ausgabe von „Extrem laut und unglaublich nah“ von einer Englischlehrerin geschenkt. Sie hatte den 11. September 2001 in Manhattan miterlebt, war selbst nicht in unmittelbarer Gefahr, aber vier Jahre danach noch so traumatisiert, dass sie immer noch nicht ohne Schweißausbrüche Aufzug fahren konnte. Weil das Alltagsleben in Manhattan ohne Aufzüge schlicht nicht zu bewältigen ist, bedeutete das eine ziemliche Einschränkung der Lebensqualität und die tägliche Konfrontation mit einem Ereignis, das Jahre zurücklag. Damals bekam ich einen Hauch von Ahnung davon, was dieser 11. September für die New Yorker Bevölkerung immer noch bedeutet.

Der New Yorker Autor Jonathan Safran Foer war zum Zeitpunkt der Anschläge 24 Jahre alt. In New York galt er als neues Supertalent, hatte er doch schon mit "Alles ist erleuchtet" die Literaturszene in Aufruhr versetzt. Er also schrieb als einer der ersten einen Roman über 9/11, und er schrieb seine Geschichte aus der Ich-Perspektive des 9jährigen Oskar, der seinen Vater im World Trade Center verliert. Natürlich geht es um die Aufarbeitung und den persönlichen Umgang mit diesem existentiellen Ereignis. Und während bei Oskars Großeltern Erinnerungen an die Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkriegs aufkommen, geht der Junge die Sache auf seine kindlich naive Art an: Mit Spielen, Rätseln, einer Art Schnitzeljagd durch Manhattan auf der Suche nach dem mysteriösen Mr. Black, und mit so simplen Überlegungen wie zum Beispiel dieser: Im Gespräch mit seiner Mutter wird Oskar sich darüber bewusst, dass sein Vater wahrscheinlich in einem der oberen Stockwerke verbrannt ist, seine Asche jetzt also in winzigen Partikelchen durch die Luft von Manhattan fliegt und womöglich von ihm eingeatmet wird. Ich atme meinen Vater ein? Dann habe ich ihn in mir. – So lautet Oskars logische Schlussfolgerung.

Obwohl in Szenen wie dieser der Kloß im Hals des Lesers gar nicht mehr rutschen will, schafft Jonathan Safran Foer es weitgehend kitschfrei und ohne großes Pathos, in die Kinderwelt einzutauchen und ein kleines Stück von diesem riesengroßen Gefühl der Amerikaner in die Außenwelt zu schicken. Dass er ein wunderbar leichtfüßiger Erzähler ist, hilft ihm bei diesem Thema ungemein.

Ich habe damals auf dem Rückflug eine Nacht lang durchgelesen und erinnere mich sieben Jahre später noch genau an die Gänsehaut, die Foers Geschichte 2005 bei mir hinterlassen hat. Und das passiert mir so selten, dass ich jedem dieses Buch ans Herz legen will – auch, wenn’s kein Sachbuch ist.

Bewertung: Extrem intensiv und unglaublich leicht.  

 


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