Pflichtlektüre

Gast-Rezension von Melanie Kaczerowski,
Dipl.-Psychologin und Trainerin in der Gesundheitsförderung
books&friends-Autorin "Wellness-Hotels zum Verlieben für Familien", Band 2
vom 10. Juni 2012

Jonathan Safran Foer:
Tiere essen
Fischer Taschenbuch, 399 Seiten, € 9,99
Kiepenheuer & Witsch, Hardcover € 19,99

Schon nach 30 Seiten Lektüre denke ich: Wenn dieses Buch Pflichtlektüre in der Schule wäre, dann würde man tatsächlich etwas Existentielles fürs Leben lernen, was man JEDEN Tag gebrauchen kann. Ich habe rückblickend erstens viel Mist in der Schule gelesen und zweitens hier und da das Gefühl, nicht wirklich aufs Leben vorbereitet worden zu sein – und sollte das nicht Teil der vielen Zeit sein, die man in der Schule verbringt?

Allen, denen ich während des Lesens von „Tiere essen“ meine aus der Verdrängung befreiten Erkenntnisse mitgeteilt habe, musste ich aber auch gleich hinterher werfen: „Aber du musst dir darüber klar sein, dass du danach sehr wahrscheinlich kein Fleisch und keinen Fisch mehr anrühren wirst.“ Das ist so.

Ein ungesundes Gefühl beim Fleischessen kenne ich ja schon lange, was mir auch schon viele Jahre vegetarischen Essens (Fisch nie inbegriffen) beschert hat. Und irgendwie war ich beim Lesen des Buches froh, dass die Rückkehr zum kompletten Fleischverzicht schon erfolgt war, bevor ich das Buch aufgeschlagen hatte. Womit ich nicht gerechnet hatte: Fisch wird mir fortan fehlen. Gut, spätestens seit ich im Pazifik einmal die Begegnung mit einem Delfin hatte, war mir bewusst, dass die Sache mit dem Thunfisch-Fang anders laufen sollte. Aber der Fischfang generell? Mir war klar, dass viel Übel der Massentierhaltung und -Zucht in unserem heutigen Anspruch an die Verfügbarkeit von (billigen) Lebensmitteln wurzelt. Wir sind es, die das Angebot bestimmen. Aber mir waren viele Details aus Fischfang und Massentierhaltung nicht bewusst. Nicht, dass

• 98 Prozent der in Deutschland verzehrten Tiere aus Massentierhaltung stammen. Essen Sie ab und an Fleisch oder Fisch, dass Sie nicht selbst beim Biometzger gekauft haben? Gehen Sie ins Restaurant? Man kann hoffen, dass man immer zu den übrigen 2 Prozent gehört, man kann aber auch mal statistisch errechnen, wie oft man ein annähernd „glückliches“ Stück Fleisch oder Fisch auf dem Teller hat - wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von „glücklich“ sprechen kann.

• es unter diesen 98 Prozent wahrscheinlich nicht viele Tiere gibt, die nicht mit Antibiotika und Wachstumshormonen vollgepumpt sind, auf grausame Art geschlachtet und teils noch bei Bewusstsein zerlegt werden, ein artgerechtes Leben führen konnten und nicht unter körperlichen und Verhaltens-Schäden durch wachstumsfördernde Zucht gelitten haben

• „freilaufend“ nicht das meint, was ich darunter verstehe

• die männlichen Nachkommen der Legehühner, die man de facto nicht fürs Eierlegen gebrauchen kann, sofort vergast oder geschreddert werden

• allein die riesigen Mengen Nahrung, die weltweit als Futter in die Massentierhaltung gesteckt werden, damit wir täglich billiges Fleisch kaufen können, eine ungeheuerliche Zahl hungernder Menschen auf der Erde ernähren könnte.

Dies sind nur ein paar wenige Beispiele. Ziemlich klar dagegen ist mir nach der Lektüre, warum Menschen sich manchmal auf unerklärliche Weise „den Magen verdorben“, „was Falsches gegessen“ haben, oder sich einfach mal einen Tag unwohl fühlen. Und mir war bewusst, dass Jonathan Safran Foer ein guter Autor ist, dass er Geschichten schreiben kann (wie auch diese), und ich schätze es sehr, dass er dieses Buch nicht als reißerisches, belehrendes Werk verfasst hat. Er hat recherchiert, und er erzählt. Sehr detailliert. Trotzdem spürt man nicht den moralisch erhobenen Zeigefinger. Na gut, auf den letzten Seiten schon – aber hier ist schwer auseinander zu halten, ob es wirklich seiner oder nicht schon mein Zeigefinger ist. Und er lässt dem Leser die Entscheidung, was er mit der Lektüre macht. Ich kenne jedoch niemanden, der „Tiere essen“ gelesen hat und danach weiter genüsslich ein billiges Discounter-Schnitzel verspeisen kann.

Und da mein beruflicher Auftrag der des Aufklärens und Verhelfens zu einem gesundheitsorientierten Lebensstil ist, fordere ich dagegen gerne auf: Leute da draußen, lest dieses Buch! Es ist ein Stück Gesundheitsförderung für Euer Leben.

Bewertung: Mein Buch des Jahres.

Mehr von dieser Autorin: www.inbewegungbleiben.de 

 


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