Ein konzeptioneller Denkfehler

Rezension vom 16. April 2012:

Rolf Dobelli:
Die Kunst des klaren Denkens
52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen
Hanser Verlag
246 Seiten, Hardcover
€ 14,90

Der erste, äußere Eindruck ist: Ein schönes Buch. Angenehm kleines Format, schöne Typographie, Lesebändchen.
Schon das Inhaltsverzeichnis stört meinen Eindruck. Ich finde 52 Kapitel à drei Seiten. Die Kapitel sind deshalb alle gleich lang, weil sie schon als Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gestanden haben. In jedem soll einer der auf dem Titel angekündigten Denkfehler beschrieben werden. Kapitelüberschriften wie „Der Over-Confidence-Effekt“, „The Swimmer’s Body Illusion“ oder „The Survivorship Bias“ lassen mich ein Buch umgehend wieder zuklappen. Aber dies waren nur die ersten drei. Es kommen noch 49 weitere.
Jeder kennt aus seinem Arbeits- oder Privatleben diesen bestimmten Typen Mensch, der sich auf Partys unterhält mit Leuten, die er nicht kennt, aber trotzdem beeindrucken will. Dann erzählt er, gerne in Monologen, von Dingen, die er nicht versteht, die er aber entweder für hip hält, oder aber für so kompliziert, dass der andere wegen des ebenfalls Keine-Ahnung-Habens nur ergriffen schweigen oder beeindruckt zustimmen kann.
Diese Menschen werden sich mit Dobellis Denkfehler-Titelei wohl fühlen. Sie finden darin mindestens 52 Möglichkeiten in einer attraktiven sprachlichen Mischung aus Englisch, Französisch und Lateinisch, mit denen Sie bei der nächsten Party/Incentive/Vorstandssitzung auftrumpfen können.
Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen dieses Buch gekauft haben, wird mir schwindelig. Warum bloß werden solche Bücher Bestseller? Wegen der kurzen Kapitelchen, die gerade über drei Seiten reichen? Weil immer noch eines vor dem Einschlafen geht und man sich nie länger auf einen Text mit Zusammenhang konzentrieren muss? Wegen der vielen, noch kürzeren Anekdoten, die sich auf dem Lufthansa-Kurzflug mal eben aus dem Aktenköfferchen zaubern lassen? (Ja, auch LH-Vorstandschef Franz liebt das Buch, so steht es zumindest auf dem Umschlag.) Wird es gekauft, weil es mit 14,90 Euro erstaunlich preiswert ist für ein Hardcover? Oder ist es doch der bloße Werbeeffekt des Zeitungs-Kolumnisten Dobelli, der auf seine eingeschworene Lesergemeinde bei der FAZ und die Anzeigenflächen des Verlages setzen kann?
Ich habe keinen blassen Schimmer. Für mich ist Dobellis Buch die schlimmste, weil intellektuell verkleidete Form des Ratgebers, der bei mir schon in seiner Ur-Ausprägung („Schlank im Schlaf“) manchmal allergischen Juckreiz auslöst.       

Das Traurige ist: Manche von Dobellis Texten sind durchaus interessant. Drei Seiten über das Phänomen des Herdentriebs, der bei ihm „Social Proof“ heißt, regen zum Nachdenken an, sind aber viel zu kurz, sprich oberflächlich, um im Gehirn des Lesers ernsthaft Spuren zu hinterlassen. (Es eignet sich eben nicht jede Zeitungskolumne dazu, als Buch ohne neues Konzept zweitverwurstet zu werden.) Dabei hätte sich die Überlegung gelohnt: Ist man wieder dem Sog der Masse erlegen und hat ein Buch nur deshalb gekauft, weil es auf der Spiegel-Bestsellerliste oben stand?

Oder das Kapitel über das „Chauffeur-Wissen“ im Gegensatz zum echten Wissen: „Chauffeur-Wissen“ bedeutet nach Dobelli: von-allem-ein-bisschen-aber-nichts-richtig-Wissen. Das sind ziemlich genau jene Kenntnisse, die man sich aneignet, wenn man Dobellis Buch liest. Und weil Dobelli, ich kenne ihn  nicht persönlich, ja eigentlich ein ganz kluger Mann sein müsste, muss man spätestens auf Seite 63 begriffen haben, das man hier vom Autor nach Stich und Faden ver… wird. Deshalb genieße ich jetzt noch für einen Moment die hübschen Illustrationen von Birgit Lang und lege das Lesebändchen ein.  

Bewertung: Ein konzeptioneller Denkfehler


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