Liebe Bücherfreunde,

 

in Bestseller! habe ich über ein Jahr lang über Buch-Bestseller und die Bücherszene geschrieben. 

Ausgangspunkt war die Frage: Warum eigentlich landet ein Buch auf der Bestseller-Liste? Ganz abgesehen von der Marketing-Power großer Verlage, die hier natürlich eine wesentliche Rolle spielt, - welche Qualitäten braucht ein Buch? 
Ein Jahr lang habe ich mich quer durch die Spiegel-Bestsellerliste gelesen und einzelne Titel rezensiert. Rezensionen und Erkenntnisse, die ich sammeln konnte, habe ich in einem e-book veröffentlicht

Wie kommt man auf die Bestseller-Liste? Sachbücher, die es geschafft haben wurde im März 2013 für den ersten e-book-Award der Leipziger Buchmesse nominiert - ein perfekter Schlusspunkt für mein Blog-Projekt. 

Die einzelnen Rezensionen bleiben hier veröffentlicht. Auch das e-book ist weiter im handel erhältlich. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen, der "seinen" Bestseller noch vor sich hat. Viel Glück und Erfolg dabei!

Simone Kaczerowski

 

 

Halleluja, die Bibel ist neu erschienen!

Dan Brown
Inferno

Lübbe Verlag
682 Seiten, Hardcover
€ 26,00

Rezension vom 16. Mai 2013

Wow, endlich ist er vorbei, dieser 14. Mai. Was für ein Zirkus wurde um dieses Buch vorher veranstaltet! Monatelange Geheimniskrämerei, von Sicherheitsleuten bewachte Übersetzer, die nur im Keller arbeiten durften, fertig belieferte Buchhändler, die die schweren Pakete tagelang nicht öffnen durften, und Journalisten, die um Mitternacht, jawohl, kurz nach Null Uhr des 14.5.2013 ein pdf-Dokument mit dem Roman auf den Rechner geschickt bekamen. Halleluja, die Bibel ist neu erschienen!

Nein, es ist nur der neue Thriller von Dan Brown. Und der muss jetzt erst einmal beweisen, dass er den Vorab-Thrill auch wert ist. Dan Brown, eher der BILD-Autor der Belletristik (Qualität UND Verkaufszahlen betreffend) hat nach mehreren Jahren endlich seine millionenschwere Schreibhemmung überwunden und einen neuen Roman verfasst: „Inferno“. Und wie wir es aus „Illuminati“ und „Sakrileg“ gewohnt sind, lässt er seinen altbekannten wie staubtrockenen Professor Robert Langdon durch eine wunderschöne Stadt jagen, auf der Suche nach… ach, das ist eigentlich fast egal, dieses Mal aber beinahe interessant. Und wie immer bei Dan Brown gründlich recherchiert. Denn Dan Brown beschäftigt sich in „Inferno“ nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Zukunft. Mit unser aller Zukunft nämlich.

Der Plot: Ein leicht fanatischer Gen-Biologe und Fan des mittelalterlichen Dichters Dante Alighieri stellt die These auf, dass die Menschheit an sich selbst zugrunde gehen wird, und zwar bald. Für mehr als 4 Milliarden Menschen reichen die Ressourcen nämlich nicht. Weder Lebensmittel noch Ökosysteme sind für 8, 9, 10 Milliarden Menschen ausgerichtet, also wird das System sich bald (natürlich ungewollt) selbst vernichten. So wie damals im Mittelalter die Pest die völlig überbevölkerten Städte „gereinigt“ hat. Es sei denn, der Biologe hilft vorher und dezimiert die Bevölkerung auf ungefähr die Hälfte. Dafür hat er schon mal einen kleinen Cocktail in viraler Form vorbereitet und gut versteckt. Natürlich gerät ein Hinweis auf das Versteck in die Hände unseres Helden. Blöderweise kann Robert Langdon sich daran nicht erinnern, denn nach einem Kopfschuss fehlen seinem Gedächtnis genau die zwei Tage, in denen Entscheidendes passiert ist. Und so treffen wir Robert Langdon in der ersten Szene des neuen Romans in einem Krankenhaus in Florenz, und niemand außer Dan Brown weiß, wie er dort hingekommen ist. (Vor dem geistigen Auge des Lesers erscheint aber natürlich schon jetzt Tom Hanks, und wir freuen uns schon darauf, ihn demnächst mit strubbeliger Frisur und in einem schicken italienischen Krankenhaus-Nachthemd bei der Arbeit zu bewundern.) Kaum aus der Bewusstlosigkeit erwacht, wird schon wieder auf ihn geschossen, weswegen er für seine höllischen Kopfschmerzen erst mal mindestens 200 Seiten lang keine Zeit mehr hat und mit der schönen Ärztin Sienna durch Florenz rennt. Alle schönen Orte, die man in Florenz bewundern kann, lernen sie kennen, aber natürlich sind sie nur auf der Suche nach dem einen wichtigen Code, und den kann niemand Geringeres als Dante Alighieri, der Dichter der „Göttlichen Komödie“, liefern.

„Inferno“ bietet eine Menge Historie: Literatur, Architektur und Kunstgeschichte nehmen weite Teile des Romans ein, der eben dadurch an vielen Stellen „sachlich“ wird. Das nimmt viel Tempo heraus, und so hat man am Ende der 682 Seiten das Gefühl, dass es sehr gut auch etwas kürzer gegangen wäre. Immerhin, in einigen Dingen hat sich Dan Brown, der Meister der handwerklich erzeugten Spannung, anscheinend Kritik zu Herzen genommen: Seine berühmten Cliffhanger, in früheren Romanen mit der Gießkanne ans Ende fast jeden Kapitels gegossen, hat er ungemein reduziert. Und auch sonst macht „Inferno“ den Eindruck, sprachlich mit ein paar weniger Klischees auszukommen als noch „Illuminati“ oder „Sakrileg“. Und manche Stellen machen, man glaubt es kaum, sogar wirklich ein bisschen Spaß. Wenn zum Beispiel Robert Langdon am Feiertag Florenz nach einer Ausgabe von Dantes „Commedia“ durchsucht, aber alle Läden geschlossen haben, und er schließlich, von Zeitdruck geplagt, in einer Kirche eine ältere Dame trifft, die sich von ihrem iPhone ihre E-Mails per Ohrstöpsel vorlesen lässt, wegen der schlechten Augen, und die beiden eine kleine Plauderei über iPhone-Apps anfangen, bis sich schließlich Robert Langdon das iPhone der Dame kurz ausleihen darf, um sich über Google eine e-book-Ausgabe der 750 Jahre alten „Commedia“ zu laden, nur, weil er mal eben schnell Gesang 25 im dritten Teil nachlesen muss … das hat schon was. Sehr nette Idee, Mr. Brown.

Leider ist das nur eine Seite von den fast 700. Und natürlich wünscht sich der anspruchsvolle Leser gelegentlich ein wenig mehr Originalität, zum Beispiel bei der Figurenkonstellation, aber nein, wir bekommen wie immer neben R.L. einen Bösewicht und eine schöne Frau. Das war’s. Immerhin ist die Frau dieses Mal blond.

Wie dem auch sei – das Ding wird ein Riesen-Erfolg werden. „Inferno“ hat alles, was man von Dan Brown kennt und erwartet: Spannung, Verschwörung, Tempo, eine tolle Stadt, historische Schauplätze vom Feinsten, gelegentliche feine Seitenhiebe auf die katholische Kirche. Und bietet wieder einmal ein Thema, über das die Medienwelt demnächst diskutieren kann. (Ich bin jedenfalls schon gespannt auf die Katastrophen-Dokus auf RTL 2 zum Thema „Wie wir Menschen uns selbst vernichten“.) Das kann Dan Brown wie kein Zweiter. Und deshalb wird er bestimmt wieder ein paar Milliönchen von seinem neuen Schinken los. Und ganz nebenbei tut er eine Menge dafür, dass Italiens berühmtester Dichter auch außerhalb von Florenz nicht vergessen wird. Und dafür lohnt es sich doch.

Bewertung: Länger als nötig, aber besser als erwartet.

 

 

 

 

 


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