Jeden Euro wert

Rezension vom 9. März 2012

Petra Bock: Mindfuck
Warum wir uns selbst sabotieren und was wir dagegen tun können
Knaur Verlag
250 Seiten, Hardcover
€ 19,99

Liebe Bücherfreunde, ich warne Euch vor: Wenn Ihr dieses Buch gelesen habt, ich meine, richtig gelesen, nicht nur gescannt, überflogen oder nach 50 Seiten weggelegt und drei Wochen später wieder zur Hand genommen, sondern wenn Ihr es aufmerksam bis zum Ende gelesen und verstanden habt, dann wird sich der Titel, ohne dass Ihr es bemerkt, in Euer Leben geschlichen haben. Dann wird Mindfuck, ein Wort, das Ihr vorher noch nicht kanntet, zu eurem Alltag gehören, und alleine, indem Ihr Freunden oder Partnern davon ERZÄHLT, werden sie es auch verstehen und bei der nächsten passenden oder unpassenden Gelegenheit das Gespräch unterbrechen und sagen: „Was für ein blöder „Mindfuck!“ Und Ihr werdet bemerken, welchen negativen, das Leben schwer machenden Problemquatsch Ihr gerade wieder gesprochen habt. Den Ihr Sekunden vorher noch ganz normal fandet.

Das Gute an der Sache ist: Gleich im ersten Kapitel räumt Petra Bock damit auf, dass Mindfuck ein Phänomen von Menschen mit, sagen wir, angegriffenem Seelenleben ist. Mindfucks haben wir alle. Ohne Ausnahme. Es sind die kleinen, schlimmen Gedanken im Gehirn, die von selbst kommen und uns das Leben schwerer machen als nötig. Wir sind mit ihnen aufgewachsen, sie sind uns anerzogen worden, sie gehören zu unserer Kultur, zu unserer Historie. Und weil sie so normal sind, bemerken wir sie nicht.

Ein Beispiel: Wer einen gruseligen Horrorfilm gesehen hat, der weiß, dass auch nach dem Abschalten das Kino im Kopf weiter gehen kann: Da knackt es seltsam in der Ecke, und der Schatten an der Wand könnte ein Einbrecher sein. Das hat natürlich mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Aber die Gedanken im Kopf beeinflussen unsere Stimmung und vielleicht auch unser Handeln. Möglicherweise schlafen wir schlechter als sonst und stehen am nächsten Morgen unausgeschlafen auf. Und hindern uns letztlich daran, unsere Energie in die guten, konstruktiven Dinge des Lebens zu legen. Mindfuck.

In diesem Fall ist der Mindfuck weniger gravierend. Wenn aber wegen selbstsabotierender Gedanken im Kopf Bewerbungsgespräche erfolglos verlaufen oder gar nicht erst angetreten werden, wenn Partnerschaften mit Misstrauen beginnen, wenn wichtige Entscheidungen verzögert oder nicht getroffen werden, dann hat das durchaus Einfluss auf unseren Lebensweg.

Angst bestimmt so viele Dinge in unserem Leben. Nur ist uns das nicht bewusst, wir halten uns für aufgeklärte Erwachsene und unsere Reaktionen auf Risiken für vernünftigen Realismus. Doch hindert uns das gedankliche Beschäftigen mit dem ständigen Katastrophenalarm daran, frei und offen unsere eigentlichen Potenziale zu leben.

Sehr schöne Theorie. Und so plausibel. Leider verschweigt die Autorin den Suchtcharakter dieses Spaßwortes. Denn Mindfucks kommen in unserem Alltagsleben so oft vor, dass sie einem plötzlich an allen möglichen Stellen auffallen. In der Kommunikation zum Beispiel. In Sätzen, die wir für klug halten. Fast immer, wenn wir vor Veränderungen stehen und erst einmal überlegen, was dagegen sprechen könnte. Wenn wir Entscheidungen treffen müssen. Und besonders, das muss in der Natur von Partnerschaften liegen, fallen uns die Mindfucks unserer Mitmenschen auf. (Achtung: Streitpotenzial!)

Die Mindfuck-Theorie kann tatsächlich das Leben des Einzelnen verändern, und das auf eine subtil einfache Weise. Denn wir müssen dafür keine Diät einhalten, keine Regeln befolgen und unser Verhalten nicht ändern. Wenn wir die Theorie verstanden haben, werden sich die Veränderungen von selbst einstellen. "Mindfuck" ist ein Buch, das nicht zu Ende ist, wenn man es ausgelesen hat. Wer es zuklappt, macht aller Voraussicht nach einen Anfang. Neues könnte passieren, und das im Kopf.
Das ist gefährlich. Mindfuck!
Bleibt die Frage, warum "Mindfuck" es "nur" bis auf Platz 43 der Bestsellerliste geschafft hat und warum die Autorin es noch in keiner Talkshow in eine Fernsehkamera gehalten hat.  

Noch ein Tipp für die e-book-Fans unter Euch: "Mindfuck" ist digital in einer interaktiven Version erhältlich, die mit ein paar schönen Features wie eingebauten Videos angereichert ist. Leider ist sie mit € 17,99 deutlich zu teuer für ein e-book, denn die Videos gibt es auch auf YouTube. Der Inhalt des Buches aber ist jeden Euro wert.

Bewertung: Richtig geiler Titel, Frau Bock. 

 


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