Rudi Assauer verabschiedet sich

Rezension vom 22. Februar 2012

Rudi Assauer: Wie ausgewechselt

Verblassende Erinnerungen an mein Leben

mit Patrick Strasser

Riva Verlag

256 Seiten, Hardcover

 € 19,99

 

Rudi Assauer kam immer rüber wie ein cooler Macho. Nicht der große Redner, aber nie um einen Spruch verlegen. Und der saß dann auch meistens. Schon auf den ersten Seiten, noch bevor sein Buch richtig anfängt, finden wir eine Sammlung von Assauers besten Sprüchen. So eingestimmt, wagt sich der Leser auch an schwere Themen wie Alzheimer heran.

Aber noch mal einen Schritt zurück. „Wie ausgewechselt“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit Prominenten Bestseller macht:

Montag: Rudi Assauers Alzheimer-Erkrankung wird in der Öffentlichkeit bekannt gegeben.

Dienstag bis Freitag: Ein beispielhafter Medien-Hype entsteht. Das Thema wird durch Talkshows, Printmedien und Social-Media-Kanäle gejagt. Nur zweimal taucht Assauer selbst auf: in einem ZDF-Magazin sowie in einer 45minütigen Reportage, die eine Woche später ebenfalls im ZDF gesendet wird. Das soll es, sagt sein Management, gewesen sein. Weitere Anfragen zwecklos.

(Anmerkung: Dieser Medien-Hype funktioniert natürlich proportional zum Bekanntheitsgrad der prominenten Person und zu dem Thema, für das sie steht. Also: Alzheimer bei Literaturpapst: kleines Medienecho. Alzheimer bei einem, der egal was mit Fußball gemacht hat: groooßes Medienecho.)

Freitag: Assauers Buch erscheint.

Sonntag: Assauers Buch steht bei amazon.de auf Bestseller-Rang 3.

Samstag: Assauers Buch schießt in der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz 2, noch eine Woche später auf Platz 1. Dort steht es jetzt erst mal.

Dass das alles nicht einfach so passiert, sondern vom Riva Verlag erwartet und gesteuert wurde, zeigt das Impressum des Buches. In Fettschrift wird dem Leser dort die Facebook-Seite und die E-Mail-Adresse von Rudi Assauer mitgeteilt – für Wünsche, Fragen und Anregungen. So macht man heute Buch-Marketing.

Ein paar Sätze zum Inhalt sind schnell erzählt: Ein Anfangs- und ein Schlusskapitel befassen sich mit Assauers aktuellem Gesundheitszustand und seinem persönlichen Umgang mit der Alzheimer-Erkrankung. In dem großen Teil dazwischen erfahren wir chronologisch seine berufliche, nicht seine Lebensgeschichte. Das ist streckenweise unterhaltsam (Sprüche!) und häufig interessant, denn schließlich hat Rudi Assauer viele Jahre lang Fußball quasi politisch mit gestaltet. Und wer die Arena AufSchalke (Sorry, ich komme aus Essen, für mich wird sie nie Veltins Arena heißen. Und ich war erleichtert zu lesen, dass auch Rudi Assauer die Vergabe der Namensrechte richtig scheiße fand.) von innen kennt, freut sich zu erfahren, wie sie geplant wurde. Leser, die nicht total im Fußball aufgehen, mögen sich durch seitenlange Berichte einzelner Spielbegegnungen, die zum Teil noch von verschiedenen Personen geschildert werden, etwas ermüdet fühlen. Trainergeschichten, Transfergeschichten - etwas weniger Faktensammlung und etwas mehr Assauer-Persönlichkeit hätte dem Buch gut getan, zumal die Schreibe des Sportredakteurs Patrick Strasser nicht besonders inspiriert. Aber so ist das vielleicht bei Fußballern. Ab und zu ein Spruch, das muss reichen. Viel Privates is eh nich bei Rudi. Doch dass es ganz am Ende des Buches eine Doppelseite über „seine Frauen“ gibt, in der jede, die in seinem Leben eine nennenswerte Rolle gespielt hat, ein paar freundliche Sätze erhält, mutet schon sehr seltsam an. Die einzige Frau, die der Leser immer wieder trifft, ist seine Sekretärin Sabine Söldner, deren Lebensaufgabe am 30. April 2012 erfüllt sein wird. An diesem Tag wird Rudi Assauers Büro in Gelsenkirchen geschlossen.

Dann werden wir nichts mehr von ihm hören. Er selbst wird immer mehr vergessen. Wohl auch deshalb wurde sein Fußball-Leben aufgeschrieben. Rudi Assauer verabschiedet sich. Ehrlich, aufrecht, wie es sich für ihn gehört. Und immer noch einen Spruch drauf. Verdammte Scheiße, die Birne.

 

 

Bewertung: Schönes Geschenk für Fußballfans

 

 


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