Rudi Assauer:
Wie ausgewechselt
Verblassende Erinnerungen an mein Leben
mit Patrick Strasser
Riva Verlag
256 Seiten, Hardcover
€ 19,99
Rudi Assauer kam immer rüber wie ein cooler Macho. Nicht der große Redner, aber nie um einen Spruch verlegen. Und der saß dann auch meistens. Schon auf den ersten Seiten, noch bevor sein Buch richtig anfängt, finden wir eine Sammlung von Assauers besten Sprüchen. So eingestimmt, wagt sich der Leser auch an schwere Themen wie Alzheimer heran.
Aber noch mal einen Schritt zurück. „Wie ausgewechselt“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit Prominenten Bestseller macht:
Montag: Rudi Assauers Alzheimer-Erkrankung wird in der Öffentlichkeit bekannt gegeben.
Dienstag bis Freitag: Ein beispielhafter Medien-Hype entsteht. Das Thema wird durch Talkshows, Printmedien und Social-Media-Kanäle gejagt. Nur zweimal taucht Assauer selbst auf: in einem ZDF-Magazin sowie in einer 45minütigen Reportage, die eine Woche später ebenfalls im ZDF gesendet wird. Das soll es, sagt sein Management, gewesen sein. Weitere Anfragen zwecklos.
(Anmerkung: Dieser Medien-Hype funktioniert natürlich proportional zum Bekanntheitsgrad der prominenten Person und zu dem Thema, für das sie steht. Also: Alzheimer bei Literaturpapst: kleines Medienecho. Alzheimer bei einem, der egal was mit Fußball gemacht hat: groooßes Medienecho.)
Freitag: Assauers Buch erscheint.
Sonntag: Assauers Buch steht bei amazon.de auf Bestseller-Rang 3.
Samstag: Assauers Buch schießt in der Spiegel-Bestsellerliste auf Platz 2, noch eine Woche später auf Platz 1. Dort steht es jetzt erst mal.
Das das alles nicht einfach so passiert, sondern vom Riva Verlag erwartet und gesteuert wurde, zeigt das Impressum des Buches. In Fettschrift wird dem Leser dort die Facebook-Seite und die E-Mail-Adresse von Rudi Assauer mitgeteilt – für Wünsche, Fragen und Anregungen. So macht man heute Buch-Marketing.
Ein paar Sätze zum Inhalt sind schnell erzählt: Ein Anfangs- und ein Schlusskapitel befassen sich mit Assauers aktuellem Gesundheitszustand und seinem persönlichen Umgang mit der Alzheimer-Erkrankung. In dem großen Teil dazwischen erfahren wir chronologisch seine berufliche, nicht seine Lebensgeschichte. Das ist streckenweise unterhaltsam (Sprüche!) und häufig interessant, denn schließlich hat Rudi Assauer viele Jahre lang Fußball quasi politisch mit gestaltet. Und wer die Arena AufSchalke (Sorry, ich komme aus Essen, für mich wird sie nie Veltins Arena heißen. Und ich war erleichtert zu lesen, dass auch Rudi Assauer die Vergabe der Namensrechte richtig scheiße fand.) von innen kennt, freut sich zu erfahren, wie sie geplant wurde. Leser, die nicht total im Fußball aufgehen, mögen sich durch seitenlange Berichte einzelner Spielbegegnungen, die zum Teil noch von verschiedenen Personen geschildert werden, etwas ermüdet fühlen. Trainergeschichten, Transfergeschichten - etwas weniger Faktensammlung und etwas mehr Assauer-Persönlichkeit hätte dem Buch gut getan, zumal die Schreibe des Sportredakteurs Patrick Strasser nicht besonders inspiriert. Aber so ist das vielleicht bei Fußballern. Ab und zu ein Spruch, das muss reichen. Viel Privates is eh nich bei Rudi. Doch dass es ganz am Ende des Buches eine Doppelseite über „seine Frauen“ gibt, in der jede, die in seinem Leben eine nennenswerte Rolle gespielt hat, ein paar freundliche Sätze erhält, mutet schon sehr seltsam an. Die einzige Frau, die der Leser immer wieder trifft, ist seine Sekretärin Sabine Söldner, deren Lebensaufgabe am 30. April 2012 erfüllt sein wird. An diesem Tag wird Rudi Assauers Büro in Gelsenkirchen geschlossen.
Dann werden wir nichts mehr von ihm hören. Er selbst wird immer mehr vergessen. Wohl auch deshalb wurde sein Fußball-Leben aufgeschrieben. Rudi Assauer verabschiedet sich. Ehrlich, aufrecht, wie es sich für ihn gehört. Und immer noch einen Spruch drauf. Verdammte Scheiße, die Birne.
Bewertung: Schönes Geschenk für Fußballfans
Walter Isaacson:
Steve Jobs
Die autorisierte Biographie des Apple-Gründers
C. Bertelsmann Verlag,
704 Seiten, Hardcover
€ 24,99
Ich sage es gleich: Bei diesem Thema bin ich nicht einen Hauch von objektiv, weil ich zu den Jüngern gehöre. Irgendwann in meinem Leben hatte ich die Gelegenheit, in einer Werbeagentur zu arbeiten. Wer diese Branche einmal von innen kennengelernt hat, der weiß, dass Werbeagenturen und Nicht-Apple-Computer einander ausschließen. An meinem ersten Arbeitstag bekam ich einen neonfarbenen iMac auf den Tisch gestellt und war erst einmal nur froh, dass er nicht pink war. Aber dass er hauptsächlich aus Monitor bestand, ohne einen riesigen Kasten unter dem Tisch, fand ich damals beeindruckend. Nach ein paar Tagen, in denen ich natürlich viel fragen und noch mehr ausprobieren musste, war ich infiziert: Das Arbeiten an diesem Gerät funktionierte so viel einfacher, intuitiver und damit schneller als mit den Rechnern, die auf Microsoft-Betriebssystemen basierten. Als ich die Agentur nach drei Jahren verließ, weinte ich. Nicht wegen der Agentur, sondern weil ich den iMac zurück lassen musste.
Irgendwo zwischen Seite 350 und 450 dieser Biografie habe ich dann erfahren, wie der iMac entwickelt wurde. Dass Steve Jobs den Namen, der von seinem Team vorgeschlagen wurde, zuerst gar nicht mochte. Dafür aber in das Kunststoffgehäuse unbedingt einen Tragegriff einlassen wollte. Dass die Idee, dass Gehäuse transparent und damit das Innenleben sichtbar zu machen, exakt der Apple-Philosophie entsprach, denn auch die nicht sichtbaren Teile sollten immer in Top-Qualität gestaltet sein. Ja, und dass er einen seiner berühmten und gefürchteten Wutanfälle bekam, als er am Abend vor dem offiziellen Probelauf den ersten komplett zusammengebauten iMac testete und eine CD-Schublade ausfuhr. Anstelle eines schlichten Schlitzes, den er eigentlich haben wollte. Die CD-Schublade war 1998 im Denken des Steve Jobs bereits technologische Vergangenheit. Und weil er so sehr in die Zukunft dachte, hat er für seine neuen Produkte niemals Marktanalysen vornehmen lassen. Wozu die Menschen nach etwas befragen, von dem sie noch gar nicht wissen, dass sie es demnächst haben wollen?
Für den Leser ist die Lektüre dieser Biografie vor allem deshalb spannend, weil die Produkte, die Steve Jobs erdacht hat, in unserem Alltag angekommen sind und sein Lebenswerk damit nachvollziehbar machen. Stellenweise liest sich das Buch wie ein „Making of“. Und dass seine Konzepte für das iPhone, das iPad und den iPod bereits aus den 80er Jahren stammen, ist kaum vorstellbar, wenn man den damaligen Stand der Technik bedenkt. Anscheinend hatte ja Steve Jobs auch bei seinem Tod noch Ideen für Neues in der Schublade, die seine Nachfolger zur Apple-Produkt-Reife weiter entwickeln. Wir warten auf iTelevision.
Isaacsons Schilderungen aus dem Leben des Apple-Gründers sind streng chronologisch und von einer Detailverliebtheit, die Steve Jobs würdig ist. Auch wenn er sich durchaus keine Mühe gibt, Jobs positiver zu schildern als er war, hat er ein großes Werk geschaffen. Ein Denkmal war es wohl auch, was Jobs wollte. Hätte er sich sonst den Biografen von Albert Einstein und Henry Kissinger ausgesucht? Isaacson hatte die Anfrage, eine Biografie zu schreiben, zunächst abgelehnt und sagte erst zu, als Jobs mehrmals beharrlich nachhakte. Lesen wollte Steve Jobs das Buch nicht, noch nicht einmal Einfluss auf den Inhalt nehmen. Was mehr als erstaunlich ist für einen Kontrollfreak wie ihn. Aber das Bewusstsein seines nahenden Todes hat wohl hier eine Rolle gespielt. Rund 40 Interviews hat er Isaacson gegeben, und viele, viele Menschen, die Jobs kannten, wurden befragt. Die Materialsammlung des Walter Isaacson für diese 700 Seiten muss unglaublich gewesen sein. Dass er einfach schildert, ohne zu werten, tut dem Buch gut und lässt Steve Jobs so puristisch erscheinen, wie er es sich wohl gewünscht hätte: so genial und so besessen, so begeistert und egozentrisch, so ungeduldig, leidenschaftlich konzentriert auf seine Sache und völlig desinteressiert am eigenen Image.
Das Ergebnis ist wirklich lesenswert. Nicht nur, wer selbst Unternehmer ist, sondern jeder, der sein Schicksal nicht in die Hände von Anderen legen mag, kann hier etwas lernen.
Bewertung: Ein Muss für das Klassiker-Regal im iPad.
Loriot:
Bitte sagen Sie jetzt nichts
Gespräche
Diogenes
255 Seiten, Hardcover
€ 21,90
Kann man Loriot lesen? Muss man Loriot nicht sehen?
Es gibt ja wirklich nicht viele Werke, für die ich das Fernseh-Format jedem anderen vorziehen würde, aber dieses hier: Loriot in Form von schwarzen Buchstaben auf weißem Grund - kann das überhaupt funktionieren? Ich bin mehr als skeptisch, als ich das Buch aufschlage. Und dann passiert es doch: Ich lese in den Interviews, die Loriot Journalisten im Laufe seines Lebens gegeben hat, und sehe ihn vor mir. Ich lese seine Antworten und höre dabei seine Stimme, wie er freundlich, höflich, in gewählten Worten klitzekleine Gemeinheiten von sich gibt. Ich sehe sogar, wie er dazu mit den Augen zwinkert. Und wie er leicht die Stirn runzelt, wenn er nervös wird.
Das Phänomen Loriot existiert als Fernsehunterhaltung, seit ich denken kann. Ich habe es so verinnerlicht, dass ich sogar in der Lage bin, Interviews von 1968 zu lesen (da musste aber eine Verlagspraktikantin verdammt tief im Archiv graben). Manches ist sogar ganz nett. Zum Beispiel, wenn Vicco von Bülow auf die Frage, auf welche Seite seines Ruhmes er verzichten könne, antwortet: „Auf Interviews wie dieses hier.“ Und natürlich erfährt man, wenn man möchte, einiges aus seinem Leben und gelegentlich Gedanken zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die aber meistens knapp ausfallen, weil Loriot von Berufs wegen gerne auf den Punkt kommt und keine überflüssigen Wörter spricht.
Aber den Küchen-Fragebogen von Wolfram Siebeck aus der ZEIT von Oktober 1999, wo Loriot versucht, in 26 Antworten möglichst wenig über sein Ess- und Kochverhalten preiszugeben (was ihm gelingt) – brauchen wir den heute wirklich noch? 17 Interviews aus den Jahren 1968 bis 2009 bieten die 255 luftig bedruckten Seiten. Dafür muss der Käufer 21,90 Euro berappen, was ja mal nicht zu knapp ist für Material aus der Mottenkiste.
Andererseits: Nach seinem Tod im August 2011 war ein Medien-Hype um Loriot vorauszusehen. Und ein Verlag ist nun mal ein kommerzielles Unternehmen, so gerne wir auch das Buch als Kulturgut hoch halten mögen. Insofern kann man es keinem Unternehmer übel nehmen, wenn er versucht, das Maximum an Profit für sich und seine Leute rauszuholen. Und letztlich ist es für den Diogenes Verlag, dem Loriot sein Leben lang verbunden blieb und der alle seine Werke veröffentlichte, beinahe eine Pflicht, ein Vermächtnis herauszugeben. Verleger Daniel Keel, der einen Monat nach Loriot starb, hat mit „Bitte sagen Sie jetzt nichts“ wohl seine letzte große Aufgabe verrichtet. Die persönliche Verbundenheit zwischen Autor und Verleger, die Daniel Keel und Vicco von Bülow über viele Jahre pflegten, beruflich wie menschlich-moralisch, finden wir leider nur noch in einer Generation, die ausstirbt.
Wie auch immer: Wer noch kein Fan von Loriot ist, wird es mit diesem Buch auch nicht werden. Wer ein großer Fan ist, wird dieses Buch unbedingt brauchen. Mir wäre ein einziger neuer Sketch lieber gewesen.
Bewertung: Sammlerstück für Fans
Jonathan Safran Foer:
Extrem laut und unglaublich nah
Kiepenheuer & Witsch
438 Seiten, Hardcover
€ 22,90
Liebe Bücherfreunde, gerade mal sechs Wochen schreibe ich jetzt an diesem Blog und muss mir schon das erste Mal untreu werden. Belletristik, hatte ich ja beschlossen und verkündet, will ich nicht besprechen. Weil das Bewerten von fiktiven Texten meiner Meinung nach so sehr von persönlichen Geschmäckern abhängt und handwerkliche Qualität nur einen Teil des Ganzen ausmacht. Und außerdem lese ich einfach selten Romane, die mich tatsächlich erreichen. Deshalb hier die Ausnahme: Ein Buch, das mich vor sieben Jahren umgehauen hat, wurde jetzt verfilmt. Am heutigen Donnerstag läuft der Film "Extrem Laut Und Unglaublich Nah" in den Kinos an, ab 16. Februar auch in den deutschen. In den Hauptrollen: Tom Hanks und Sandra Bullock. Regisseur Stephen Daldry hat mit "Der Vorleser" und "Billy Elliott" schon wunderbar empathische Filme gedreht, so bleibt Hoffnung, dass wir von Hollywood-Kitsch verschont bleiben.
Im Frühjahr 2005 war ich in New York und bekam die amerikanische Ausgabe von „Extrem laut und unglaublich nah“ von einer Englischlehrerin geschenkt. Sie hatte den 11. September 2001 in Manhattan miterlebt, war selbst nicht in unmittelbarer Gefahr, aber vier Jahre danach noch so traumatisiert, dass sie immer noch nicht ohne Schweißausbrüche Aufzug fahren konnte. Weil das Alltagsleben in Manhattan ohne Aufzüge schlicht nicht zu bewältigen ist, bedeutete das eine ziemliche Einschränkung der Lebensqualität und die tägliche Konfrontation mit einem Ereignis, das Jahre zurücklag. Damals bekam ich einen Hauch von Ahnung davon, was dieser 11. September für die New Yorker Bevölkerung bedeutete.
Der New Yorker Autor Jonathan Safran Foer war zum Zeitpunkt der Anschläge 24 Jahre alt. In New York galt er als neues Supertalent, hatte er doch schon mit "Alles ist erleuchtet" die Literaturszene in Aufruhr versetzt. Er also schrieb als einer der ersten einen Roman über 9/11, und er schrieb seine Geschichte aus der Ich-Perspektive des 9jährigen Oskar, der seinen Vater im World Trade Center verliert. Natürlich geht es um die Aufarbeitung und den persönlichen Umgang mit diesem existentiellen Ereignis. Und während bei Oskars Großeltern Erinnerungen an die Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkriegs aufkommen, geht der Junge die Sache auf seine kindlich naive Art an: Mit Spielen, Rätseln, einer Art Schnitzeljagd durch Manhattan auf der Suche nach dem mysteriösen Mr. Black, und mit so simplen Überlegungen wie zum Beispiel dieser: Im Gespräch mit seiner Mutter wird Oskar sich darüber bewusst, dass sein Vater wahrscheinlich in einem der oberen Stockwerke verbrannt ist, seine Asche jetzt also in winzigen Partikelchen durch die Luft von Manhattan fliegt und womöglich von ihm eingeatmet wird. Ich atme meinen Vater ein? Dann habe ich ihn in mir. – So lautet Oskars logische Schlussfolgerung.
Obwohl in Szenen wie dieser der Kloß im Hals des Lesers gar nicht mehr rutschen will, schafft Jonathan Safran Foer es weitgehend kitschfrei und ohne großes Pathos, in die Kinderwelt einzutauchen und ein kleines Stück von diesem riesengroßen Gefühl der Amerikaner in die Außenwelt zu schicken. Dass er ein wunderbar leichtfüßiger Erzähler ist, hilft ihm bei diesem Thema ungemein.
Ich habe damals auf dem Rückflug eine Nacht lang durchgelesen und erinnere mich sieben Jahre später noch genau an die Gänsehaut, die Foers Geschichte 2005 bei mir hinterlassen hat. Und das passiert mir so selten, dass ich jedem dieses Buch ans Herz legen will – auch, wenn’s kein Sachbuch ist.
Bewertung: Extrem intensiv und unglaublich leicht.
Helmut Schmidt, Peer Steinbrück:
Zug um Zug
Hoffmann und Campe
320 Seiten, Hardcover
€ 24,99
Ob diese beiden sich tatsächlich zum Schachspielen treffen, wie Titel und Coverfoto vermuten lassen? Zeit dafür haben wohl beide nicht im Übermaß. Aber angenommen, es wäre so, dann könnte es sich ergeben, dass sie beim Spielen gelegentlich ins Plaudern kämen über dies und das und diesen und jenen.
Sätze von Helmut Schmidt sind immer ein Gewinn. Gesprochen oder geschrieben, immer druckreif. Auch inhaltlich sind die Aussagen des inzwischen 93jährigen Altkanzlers, der, je älter er wird, umso beliebter zu werden scheint, nie langweilig, nie abgedroschen. Zu seiner rund 70jährigen Erfahrung im politischen Leben gesellt sich ein Hauch von Altersweisheit, die aber auf keinen Fall mit Milde verwechselt werden sollte. Hauptsache, vorne klingt immer noch diplomatisch, was hinten drin ganz schön böse sein kann. Ein Beispiel: Auf die Frage seiner Lieblings-Interviewpartnerin Sandra Maischberger nach der Kompetenz der aktuellen deutschen Außenpolitik überlegte er kurz, um dann festzustellen: "Sie wollen doch nicht im Ernst, dass ich darauf antworte."
Verbale Tritte so fein zu verpacken, leistet sich nur Helmut Schmidt, der nichts mehr zu verlieren hat, aber nicht Peer Steinbrück, der vielleicht noch etwas erreichen will. Wenngleich auch er nicht mit Kritik am aktuellen Politzirkus spart. Steinbrücks Pfund ist die Finanzpolitik, und ein 300 Seiten langes Gespräch mit dem Vater einer Bankerin im internationalen Geschäft bietet ihm viele Möglichkeiten, um über die Finanzkrise, die Verflechtungen von Banken, Staaten und Unternehmen, und die immer stärker vernetzten Prozesse zu berichten. Dabei kann der Leser eine Menge darüber lernen, was die globale Welt im Innersten zusammen hält. Und was nicht.
Kompetenz strahlt dieses Gespräch in jedem Fall aus, auch die Substanz, die die Menschen im politischen Alltag so oft vermissen. Aber dies hier ist eben nicht politischer Alltag, dies ist ein harmonischer Altherren-Stammtisch zweier Politfreunde, die spürbar Vergnügen daran haben, sich auf der intellektuell reflektierten Ebene auszutauschen. Was Helmut Schmidt nicht daran hindert, zwischendurch zu erzählen, wie er anno 1946 mit Loki auf dem Fußboden gekniet und Wahlplakate gemalt hat. Überhaupt kommt viel Persönliches vor in diesem Gespräch. Es geht um Macht und gewinnen wollen, und um das oft nicht vorhandene Privatleben eines Berufspolitikers. Um das schlechte Gewissen des abwesenden Vaters. Um klassische Musik, Philosophie und Fußball. Darum, permanent Entscheidungen zu treffen, und sie jetzt, in diesem Moment, unter Druck und unter oft unklaren Bedingungen treffen zu müssen.
Eine Anekdote ist in diesem Zusammenhang spannend, und niemand weiß, ob Helmut Schmidt sie Peer Steinbrück und uns Lesern erzählt hätte, hätte das Gespräch nicht im Sommer 2011, sondern Anfang 2012 NACH der Affäre Wulff stattgefunden. Schmidt berichtet, wie er als Kanzler die Entscheidung traf, das nach Mogadischu entführte Flugzeug stürmen zu lassen statt den Entführern nachzugeben. Trotz größter Geheimhaltung hatten deutsche Journalisten Wind von der Aktion bekommen und eine Schlagzeile vorbereitet, weshalb er zum Telefonhörer griff, den damaligen Chefredakteur der „Welt“ anrief und ihm drohte, „…ich garantiere Ihnen, ich vernichte Ihre Zeitung …, es sei denn, dass sie alle Zeitungen wieder einsammeln, die am Bahnhofskiosk bereits heute Abend ausliegen.“
Der Beitrag erschien nicht, die Befreiung des Flugzeugs gelang. Schmidt heute: „Mir war völlig klar, dass meine Drohung an sich bereits eine schwere Verletzung des Grundgesetzes war und dass sie schwer zu verwirklichen gewesen wäre. … Ich habe gehandelt aus Fürsorge für die 90 Leute, die in diesem Flugzeug saßen. Das hatte mit Macht oder Missbrauch der Macht überhaupt nichts zu tun.“
Bewertung: Politik von innen, spannend, lehrreich, unterhaltsam.
In der Woche nach Weihnachten ist es immer sehr spannend, einen Blick auf die Bestseller-Listen zu werfen. Denn für den stationären Buchhandel gilt noch immer, dass im letzten Quartal (und damit ist schwerpunktmäßig die Zeitspanne von der Frankfurter Buchmesse bis Weihnachten gemeint) rund 70 Prozent des Jahresumsatzes gemacht werden. Hat sich schon mal jemand an einem 23. Dezember egal welchen Jahres neben die Kasse einer mittleren bis größeren Buchhandlung gestellt? Nur so zum Schauen? Liebe Bücherfans, falls ihr am 23.12.2012 nichts Besonderes vorhabt: dies ist ein Event. Nehmt was zu essen und zu trinken mit. Und Blumen und Pralinen für die Buchhändlerinnen.
Was wäre die Bücherbranche ohne das Weihnachtsgeschäft?
In der Woche nach Weihnachten also spiegeln die Listen, was am meisten verschenkt wurde. Und ganz oben auf der SPIEGEL-Bestsellerliste Sachbuch finden wir tatsächlich immer noch "Steve Jobs". Die autorisierte Biografie, geschrieben von Walter Isaacson, steht seit Erscheinen auf Platz 1, und das ist schon erstaunlich: die Biografie eines Unternehmers, monatelang auf Platz 1, ist offensichtlich DAS Weihnachtsgeschenk des Jahres – aber was sage ich, ich habe das Buch auch bekommen. Deshalb demnächst mehr dazu. Und schließlich hat Steve Jobs ja nicht irgendein Unternehmen geführt.
Ansonsten spiegelt die Liste: Es gab 2011 viele politische Bücher. Das ist kein Wunder, denn wir hatten ein politisch aufregendes Jahr. So aufregend, dass sogar ein Finanz-Ratgeber ("Cashkurs" von Dirk Müller) in die Bestseller-Ränge aufsteigen konnte.
Wir finden Peer Steinbrück und Helmut Schmidt, das berühmte erste Interview mit Karl-Theodor zu Guttenberg, Privates aus dem Leben der Familie Kohl – dass das noch so interessiert, finde ich bemerkenswert.
Was die Liste aber auch spiegelt, ist ein offensichtliches Bedürfnis der Menschen nach Leichtigkeit und Humor. Auch kein Wunder in diesen Zeiten. Davon profitieren zum Beispiel Comedian Dieter Nuhr und posthum Loriot, der inzwischen gleich zwei Plätze hält.
Der absolute Shooting-Star des Jahrs 2011 ist aber Pop-Philosoph Richard David Precht. Der seinem Longseller "Wer bin ich…" noch kurz vor Ende des Jahres seinen zweiten Coup hinterher warf: "Warum gibt es alles und nicht nichts?" Na, wenn das nicht läuft wie warme Brötchen: Gut aussehender, fernsehbekannter und denkender Druckreif-Formulierer (sehr seltene Kombination) erklärt seinem 8jährigen Sohn die Welt. Eltern, Großeltern, aufgepasst, hier gibt’s Kluges für Kinder und Erwachsene (noch seltener). Ich glaube, man braucht keine Glaskugel, um über die Bestseller 2012 zu spekulieren.
Ich wünsche allen Fans ein Jahr voller wunderbarer Bücher und viele glückliche Lesemomente!
Karl-Theodor zu Guttenberg, Giovanni di Lorenzo:
Vorerst gescheitert
Herder Verlag,
208 Seiten, Hardcover
€ 19,99
Liebe Bücherfreunde, an dieser Stelle kremple ich innerlich die Ärmel hoch. Es gibt ja Bücher, über die man eigentlich nichts sagen möchte, um den völlig unnötigen Hype nicht noch weiter anzuheizen. Weil hier boykottieren eigentlich die beste Strategie ist. Andererseits habe ich das Bedürfnis, zu diesem Buch einige Sätze loszuwerden. Mir ist nämlich zufällig Folgendes widerfahren:
Am 29. November 2011 flanierte ich ausgiebig durch die City meiner Heimatstadt, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen (ja, ist früh, ich weiß.). Für mich bedeutet das aber automatisch einen Zug durch die lokalen Buchhandlungen, davon haben wir in der Essener City mehrere. Bei Thalia stand ich vor dem Bestseller-Regal und sah dort den gerade frisch ausgelieferten Guttenberg liegen. Der Blick auf die darüber hängende SPIEGEL-Bestsellerliste bestätigte, dass das Buch dort natürlich noch gar nicht auftauchte – wie denn auch zwei Tage nach Erscheinen? Na also, dachte ich mir, bald wird es soweit sein. Der kluge Buchhändler legt die neuen Titel dahin, wo er sie haben will.
Ich ging in die Mayersche. Gleiches Szenario. In eine dritte, kleinere Buchhandlung. Gleiches Szenario. Dies erzähle ich nur, liebe Bücherfreunde, damit ihr versteht, wie Bestseller gemacht werden. Nicht immer, aber manchmal. (Als ich am 12. Dezember 2011 auf die SPIEGEL-Bestsellerliste schaute, war „Vorerst gescheitert“ von Null auf Platz zwei geschossen!)
Ich habe dann eine Weile in diesem Buch geblättert und gelesen und es nicht gekauft. Ich kenne die ganze Vorab-Geschichte aus der ZEIT. Drei Seiten Vorabdruck, und die Seiten sind verdammt groß in der ZEIT. In der Ausgabe danach eine Doppelseite mit Leserbriefen (Headline: „Pfui!“) und ein Rechtfertigungsversuch von Giovanni di Lorenzo, der einem beinahe leid tun könnte, weil er sich selbst in diesem neuen Guttenberg-Schwank eine so undankbare Rolle ausgesucht hat.
Angeblich war es ja so, dass der Buchverleger Manuel Herder die Idee hatte, aus einem ersten Interview nach Guttenbergs Abflug in die USA ein Buch zu machen. Und auf die ZEIT-Chefredaktion zuging, die dies nach gründlichem Überlegen als „von öffentlichem Interesse“ betrachtete und handwerklich sauber umsetzte. Und sooo unkritisch, wie von vielen Medien kritisiert, sind die Fragen ja nun auch nicht, finde ich.
Es könnte aber auch so gewesen sein: Guttenberg sitzt seit acht Monaten vom Dienst suspendiert in den USA und guckt von außen auf zu Hause: In Europa ist die Kacke so richtig am dampfen, drängende Themen wollen politisch beackert werden. Guido Westerwelle, sein wichtigster Mitbewerber im Rennen um die rhetorisch jovialste Klappe, ist ausgezählt. Guttenberg scharrt mit den Hufen und will endlich wieder mitspielen! Sein neuer Berater verpasst ihm erst mal eine neue Frisur ohne Haargel (das er angeblich vorher brauchte, um die Masse auf dem Kopf zu bändigen, aber jetzt wird er mal authentisch und kommt ohne Hilfsmittel aus), nimmt ihm die Brille weg (die, oh Wunder, sowieso überflüssig war, wie eine reizende Augenärztin in Amerika rein zufällig feststellte) und entscheidet dann: Ein Buch! Ein Buch ist es, was in Good Old Germany am meisten Eindruck macht. Der Berater, der alle Teile von „Der Pate“ kennt, denkt sich, ich mache ein Angebot, das sie nicht abschlagen können, ruft bei der ZEIT an und sagt: Wenn ihr es nicht macht, gehe ich zum SPIEGEL. Den Rest kennen wir. In „Der Pate“ sind hinterher trotzdem alle tot. Und wie viele Abonnenten diese Geschichte die ZEIT gekostet hat, will ich gar nicht wissen. Ich mag die ZEIT.
So. Da ist jetzt aber meine Phantasie mit mir durchgegangen. Aber Phantasie ist erlaubt in der Bücherbranche. Und dem Verleger ist der Coup zu gönnen.
Als kritischer Leser könnte man nun ohne weiteres das Buch kaufen, um eine entlarvende Selbst-Demontage zu lesen. Und sich danach mit plausibler Begründung abwenden. Dann wäre der ganze schöne Comeback-Versuch „vorerst gescheitert“.
Ich habe das Buch nicht gekauft. Weil mir die Friseur- und die Brillen-Geschichte als inhaltliches Fundament schon gereicht haben. Vor allem aber, weil ich beim gründlichen Blättern keinen Hinweis darauf gefunden habe, wohin Herr zu Guttenberg die Erlöse aus den Verkäufen spenden will. Kleine Überschlag-Rechnung: Der Band kostet € 19,99 inkl. Mehrwertsteuer, netto also € 18,59. Davon etwa 10 Prozent gibt der Herder Verlag voraussichtlich in diesem Fall als Autorenhonorar ab, das macht € 1,86 pro verkauftem Buch, bei 100.000 verkauften Exemplaren, die wir hier realistisch betrachtet schon erreicht haben, € 186.000. Davon müsste natürlich Herr di Lorenzo als Mit-Autor ein bisschen was abbekommen, und wir müssen im Geiste die € 20.000 abziehen, die Guttenberg an eine soziale Einrichtung zahlen musste – wegen der vermasselten Doktorarbeit, die wir schon fast vergessen haben über der schönen neuen Frisur. Trotzdem wird am Ende ein stattliches Sümmchen übrig bleiben. Und mal ehrlich – und wirklich ganz ohne Sozialneid! – wollen wir, dass Herr zu Guttenberg mit dem Geld in Deutschland eine neue Partei gründet? Also.
Bewertung: Überflüssig, aber unterhaltsam.
Zum Schluss noch ein Buchtipp für alle, die Geschichten dieser Art mögen, aber auf die literarisch hochwertige Form nicht verzichten möchten:
Thomas Mann, Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Fischer Taschenbuch, € 9,95. Das lohnt sich wirklich!
Gaby Köster: Ein Schnupfen hätte auch gereicht
Meine zweite Chance
Scherz Verlag
264 Seiten, Hardcover
€ 18,95
Normalerweise mache ich einen großen Bogen um Bücher, in denen Prominente erzählen, was ihnen im Leben Schlimmes widerfahren ist. Seelenbeichten und Befindlichkeitsstörungen zwischen Buchdeckeln zum Zweck der Aufbesserung einer ohnehin meist prall gefüllten Kasse sind nicht so meine Sache. Hier liegen die Dinge anders. Stellt euch vor, liebe Bücherfreunde, ihr seid allein erziehende Mutter eines Kindes. Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Genau. So etwas ist Gaby Köster passiert, und nachdem sie, die ihr Geld mit Fernsehen verdient hat, über drei Jahre lang nicht arbeiten konnte, hat sie ein Buch geschrieben. Über sich, ihren Schlaganfall, der sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, ihren Kampf zurück in ein immer noch nicht selbstbestimmtes Leben, ihren Sohn, der ihr „Zivi“ wurde, ihre Familie, ihre Freunde, ihr Seelenleben. Ziemlich privat. Privater geht es eigentlich nicht. Krankheit als Buchthema, das ist wohl eines der letzten Tabus. Mutig ist das. Wobei man nicht unterscheiden kann, ob dieses Buch nur Mut oder auch ein Stück weit eine Verzweiflungstat bedeutet. Schließlich hat Gaby Köster den Verkaufsstart ihres Buches im September 2011 mit Auftritten in mehreren Talkshows gepusht. Ein normaler Vorgang in ihrem Beruf, nur nicht, wenn man nach einem Schlaganfall immer noch schwer behindert ist. Und die Zuschauer, die einen noch als schnoddrige, schlagfertige, lustige Comedian mit großer Klappe kennen, nun einen schwer kranken und gezeichneten Menschen erleben. Betroffenheit und Mitleid auf breiter Basis hat Gaby Köster damit ausgelöst. Das muss ihr klar gewesen sein. Wie leicht oder schwer sie das erträgt, vermag man kaum zu beurteilen.
Die sachliche Rechnung zumindest ging schon mal auf: Zwischen September und Dezember 2011 liegen fünf gedruckte Auflagen, und man darf davon ausgehen, dass schon die erste nicht allzu klein ausgefallen ist.
Und inhaltlich? Gaby Köster erzählt, wie sie ihren Schlaganfall und die Zeit danach erlebt hat und streut Kapitel aus ihrem „früheren Leben“ ein, so dass sich eine Art biografisches Puzzle ergibt. Fast in jeder Zeile sieht man sie vor sich, wie man sie aus dem Fernsehen in Erinnerung hat. Sie schreibt wie sie spricht, deshalb ist dieser Seelen-Striptease in der Form nicht intellektuell anspruchsvoll, sondern schnoddriges Kölsch, und der Ton nimmt an so mancher Stelle dem Thema ein wenig die Schwere. Was nicht darüber hinweg täuscht, dass wir hier inhaltlich harte Kost vorgesetzt bekommen. Manch körperliches Detail wollte der Leser vielleicht gar nicht wissen, aber das hat Gaby anders entschieden, Sekt oder Selters, also Flucht nach vorne. Offen, authentisch, man glaubt ihr jedes Wort. Und damit die Lektüre nicht nur traurig wird, hat sie, wir atmen beinahe auf, noch ein paar Nettigkeiten aus der Abteilung „Hinter den Kulissen eines Prominentenlebens“ eingestreut. Freizeit Revue, die Aktuelle und BILD, aber auch die Herren „Ritas Welt“-Produktioner von RTL kommen dabei gar nicht gut weg. Nix mehr zu verlieren, die Frau, die Zeiten der diplomatischen Freundlichkeiten sind im Leben von Gaby Köster vorbei – wenn es sie jemals gegeben hat. Auch aus der Comedy-Szene gibt es Anekdötchen, und darüber freuen sich bestimmt sogar die Leser, die gar nicht scharf auf Interna waren, sondern einfach nur froh sind, dass es zwischendurch was zu Lachen gibt. Ich klappe das Buch zu mit dem Gefühl, diese Frau jetzt gut zu kennen, ob ich wollte oder nicht. Wollte sie das?
Bewertung: Mutig. Respekt.
Michael Winterhoff: Lasst Kinder wieder Kinder sein!
Oder: Die Rückkehr zur Intuition
Gütersloher Verlagshaus
205 Seiten
Hardcover
€ 19,99
Der Titel macht erst einmal Freude. Keine Rede von Tyrannen dieses Mal. Zur Erinnerung: 2008 erschien Dr. Michael Winterhoffs erstes Sachbuch über Störungen in der psychischen Entwicklung von Kindern. Ein kluges Buch mit klugen Gedanken, über die sich nach wie vor ernsthaft nachzudenken lohnt. Leider trug das Buch den reißerischen Titel „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“. Ein perfekter Titel aus Sicht des Verlagsmarketings, und die über 450.000 verkauften Exemplare bestätigten die Wahl. Nur werden ja längst nicht alle der von Winterhoff beschriebenen und in ihrer psychischen Entwicklung verzögerten Kinder Tyrannen. Manche bleiben auch einfach schüchterne Mäuschen. So nahm der Titel dem Buch ein Stück seiner Seriosität, was der Inhalt durchaus nicht verdient hatte. Und letztlich warf die Lektüre zum Schluss die große Frage auf, wie diese Entwicklung zu behandeln sei. Doch für die Antwort musste man Winterhoff Band 2 kaufen. Geschickt eingefädelt.
Nun also Winterhoffs vierter Titel zum Thema. Der Autor, Humanmediziner und Kinderpsychologe mit eigener Praxis seit 1988, ist nach drei Büchern auf der Bestsellerliste soweit etabliert, dass man nun mal einen seriös klingenden Titel riskieren kann und trotzdem hofft zu verkaufen. Das freut den ernsthaft interessierten Leser, der dann am Ende auch dieses Buch irritiert schließt. Denn „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ ist kein Buch über Kinder, sondern über Erwachsene und natürlich für Erwachsene. So gut Autor und Verlag offensichtlich zusammen arbeiten, so schwer tun sie sich mit der Entwicklung von Titeln, die verkaufen und zum Inhalt passen.
Zweifellos aber hat Winterhoff hier wieder ein Feld ausgemacht, das sich lohnt zu beackern. Oder genauer: Einen neuen Bereich des seit Jahren von ihm beackerten Feldes. Seine Thesen in Kurzform:
In seiner Praxis, wo er täglich von zumeist verhaltensauffälligen Kindern und ihren Eltern besucht wird, hat er längst die Beziehung zwischen Eltern und Kind als zentrales Störfeld ausgemacht: zu partnerschaftlich, zu symbiotisch, um der kindlichen Psyche eine normale Entwicklung zu ermöglichen. Wer das genauer wissen möchte, greife zu den „Tyrannen“-Titeln, drei stehen zur Auswahl. Was aber Eltern dazu bringt, sich ihrem Kind gegenüber nicht mehr kindgerecht zu verhalten, ist ihr eigener Alltag, den Winterhoff so beschreibt:
Der Tag, die Woche, der Monat sind voll mit Terminen, der Alltag durchgeplant und nur bei perfekter Organisation (niemand wird krank, alle kommen immer pünktlich) ohne Schäden durchzuhalten. Aus dem analogen Leben wurde das digitale, mit der täglichen Flut von E-Mails, SMS, und dem Druck nach permanenter Erreichbarkeit. Das Handy wird heute von der Firma gestellt, verbunden mit der Erwartung, am Wochenende, ja, sogar im Urlaub auf Nachrichten zu reagieren. Der Stand der Technik ändert sich schneller als man hinschauen kann, kaum ist der Umgang mit neuen Geräten gelernt, drängt schon die nächste Generation auf den Markt und will erlernt werden. Die Medien fluten den Kopf mit täglichen Katastrophenmeldungen. Echte Ruhepausen? Fehlanzeige. Die Folgen für die Psyche der Erwachsenen sind diffuse Ängste, das Gefühl, permanent unter Druck zu stehen, alles schaffen, erledigen, abarbeiten zu müssen, um einem allgemeingültigen Anspruch nach Perfektion zu genügen. Das Ergebnis ist das, was eine andere Industrie unter Burnout versteht, und bis hierhin ist das Buch für alle Erwachsenen interessant, ob sie nun Kinder haben oder nicht. Und mal ehrlich: Wer kennt es nicht, dieses Hamsterrad aus Terminen, Verpflichtungen, Aufgaben und Ansprüchen? Schon allein, wer „nur“ ein Arbeits- und ein Familienleben unter einen Hut bringen muss, braucht da nicht lange zu überlegen.
Aber Eltern, deren Psyche sich beständig im „Katastrophenmodus“ befindet und die darüber ihre elterliche Intuition verlieren, sind nicht gut für Kinder. Weil dann über die Mechanismen der Projektion und der Symbiose auch die Kinder anfangen müssen, Ansprüche zu erfüllen.
Soweit ist das alles erstens sehr nachvollziehbar und zweitens lesenswert. Zumal der Psychologe ausdrücklich auf Schuldzuweisungen verzichtet und nicht die Eltern selbst, sondern einen rasanten, kaum noch steuerbaren gesellschaftlichen Wandel für diese Vorgänge verantwortlich macht. Plausible Analyse, das kann er gut.
Schade ist, dass Winterhoff für die Beschreibung des elterlichen Hamsterrads 140 Seiten braucht. Sein Anliegen wäre etwas gestrafft ebenso deutlich geworden. Vor allem passiert dem Leser Seltsames: Während der langen Lektüre fühlt sich der Leser zunehmend selbst von diesem Hamsterrad ergriffen. Eine Art inneres Unwohlsein nimmt zu, unabhängig davon, ob die Lektüre in einem ratternden Intercity oder auf dem heimischen Sofa mit dampfendem Tee und Kuscheldecke stattfindet. Ein bisschen also drängt man durch diese 140 Seiten, längst wartend auf die im Titel versprochene Botschaft, was dieses alles denn nun für unsere Kinder bedeutet – und dann kommt sie nicht, die Antwort. Hier wäre es interessant geworden. Denn zumindest die Kernzielgruppe dieses Buches, die Eltern, die sich durch den ganzen Stress gelesen haben, wünschen sich jetzt auf den letzten 60 Seiten eine ausgefeilte Erklärung des Psychologen. Was macht das denn nun genau mit unseren Kindern? Was genau passiert in der Psyche von Kindern, die hektischen Alltagen, elterlichen Förderprogrammen und subtil vermitteltem Stress ausgeliefert sind? Hier hätten wir uns fundierte Erkenntnisse des Wissenschaftlers gewünscht, und gerne zahlreiche Beispiele aus seiner Praxis. Aber leider bleibt Winterhoff an der Oberfläche.
Dem Leser bleibt am Ende das unrunde Gefühl, ein unbequem wichtiges Buch gelesen zu haben, über dessen Thema hoffentlich noch viele öffentliche Debatten stattfinden werden. Doch um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu erhalten, wird er vermutlich den nächsten Winterhoff-Bestseller kaufen müssen.
Fazit: Kaufen! Dieses Buch behandelt ein gesellschaftliches Thema, das nicht nur Eltern noch lange beschäftigen wird und in seiner Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann.
Bewertung: Lesen! Drüber nachdenken, ins Regal stellen, nächstes Jahr wieder lesen.